EthikJournal 3. Jg. (2015) Ausgabe 1

"Die Finanzierung sozialer Dienstleistungen"

 

Editorial


Christian Spieß

Die vorliegende Ausgabe des EthikJournals enthält Beiträge, die sich auf die Gestaltung der sozialpolitischen Rahmenbedingungen für soziale Dienste beziehen, soweit sie Aspekte der Finanzierung betreffen. Die Annahme, dass der ökonomische Druck auf die Organisationen und Akteure der Sozialen Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen ist, dass mithin eine „Ökonomisierung” der sozialen Dienste zu verzeichnen ist, hat sich vor allem innerhalb der sozialprofessionellen Milieus, aber auch im sozialpolitischen und sozialethischen Diskurs als eine Art Narrativ herausgebildet. Fragen der Finanzierung sozialer Dienstleistungen werden deshalb gegenwärtig vor allem mit dem Hinweis auf diese angenommene Ökonomisierung diskutiert. Dabei wird dieses Motiv sowohl mit kritischer – das heißt verbunden mit der Kritik an einem zunehmenden Druck auf Organisationen des Drittes Sektors, der die Erbringung der eigentlichen sozialen Dienstleistungen erschwere – als auch in positiver – das heißt verbunden mit dem Hinweis auf Effizienz- und Effektivitätsgewinne – Stoßrichtung verwendet. Es ist weithin unstrittig, dass der ökonomische Druck auf die Organisationen, die sozialprofessionelle Dienstleistungen erbringen, erhöht wurde, während die damit verbundenen Wettbewerbseffekte umstritten sind – was wiederum, je nach Standpunkt, sowohl positiv als auch negativ bewertet werden kann.

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Fachartikel


Matthias Möhring-Hesse

Die Kehrseite dessen, was man gemeinhin „Ökonomisierung” nennt.
Zur Kritik der Verstaatlichung der sozialen Dienste

Zusammenfassung In diesem Beitrag sollen die mit dem Begriff ‚Ökonomisierung’ gemeinten Entwicklungen für den Bereich der sozialen Dienste genauer gefasst werden – und diese als Ausdruck der sozialstaatlichen Steuerung und Kontrolle der sozialen Dienste vorgestellt werden: Die Kehrseite der Ökonomisierung der sozialen Dienste ist – polemisch und nicht sonderlich präzise gesagt – deren Verstaatlichung. In diesem Sinne wird zunächst die
einschlägige Literatur befragt, welche säkularen Entwicklungen bei den sozialen Diensten als deren Ökonomisierung ausgemacht werden können (1). Diese Entwicklungen sind sozialstaatlich induziert – mit dem Ziel, die sozialstaatliche Kontrolle über die im Auftrag des Sozialstaats erbrachten sozialen Dienste zu stärken (2). Abschließend werden – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Probleme dieser Verstaatlichung der sozialen Dienste diskutiert (3).
Schlüsselwörter Ökonomisierung – Vermarktlichung – Verstaatlichung – Politisierung der sozialen Dienste      

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Jochen Ostheimer

Die sozialpolitischen Aufgaben der liberalen Gesellschaft – Begründungsdiskurse

Zusammenfassung Der Sozialstaat ist in seiner Ausrichtung wie in seinem Umfang umstritten. Insbesondere aus liberalen Kreisen werden Anfragen gestellt. Der folgende Beitrag untersucht, wie aus liberaler Sicht der Sozialstaat gerechtfertigt werden kann. Dazu werden ausgehend von John Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit drei Begründungszugänge entfaltet.
Schlüsselwörter
Sozialstaat – Liberalismus – Gerechtigkeit – Chancengleichheit – Rawls  

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Peter G. Kirchschläger

Die Finanzierung von sozialen Dienstleistungen aus einer Perspektive der Gerechtigkeit

Zusammenfassung Der vorliegende Beitrag diskutiert die Finanzierung von sozialen Dienstleistungen (Leistungen im Bereich der Wohlfahrtspflege) aus einer Perspektive der Gerechtigkeit. Von Gerechtigkeit kann grundsätzlich ausgesagt werden, dass sie nach Gleichheit bzw. gleicher Behandlung strebt, ohne aber Diversität aufzugeben. Darüber hinaus kann Gerechtigkeit in vier Gerechtigkeitskonzeptionen unterteilt werden: Tauschgerechtigkeit, politische Gerechtigkeit, korrektive Gerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit (Koller 2005). Anhand dieser verschiedenen Gerechtigkeitskonzeptionen wird die Frage nach einem gesamtgesellschaftlich gerechten Modell der Finanzierung von sozialen Dienstleitungen untersucht und schließlich basierend auf dem omni-dynamisch-sozialen Gerechtigkeitsverständnis ein Lösungsvorschlag skizziert.
Schlüsselwörter Gerechtigkeit – Gleichheit – Soziale Dienstleistungen – Wohlfahrtspflege – Finanzierung

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Stefan Bestmann

Alles hat seinen Preis
Kritische Betrachtungen zur Finanzierung sozialer Dienstleistungen

Zusammenfassung In der Sozialen Arbeit sind durchaus zentrale professionsethische Leitmaximen beschrieben bspw. die Hilfe zur Selbsthilfe, die Kategorie der Selbstbestimmung oder das Wechselwirkungsverhältnis von individuellem Verhalten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Die zentrale These des Beitrags vermutet, dass es neben der Notwendigkeit einer sehr voraussetzungs- und anspruchsvoll aufgestellten habituellen sowie verfahrenstechnischen Handlungsfähigkeit für eine emanzipatorische, sozial-raumbezogene und inklusive Soziale Arbeit zugleich einer Steuerungslogik im Professionskontext bedarf, die solche Professionsleitlinien überhaupt zulässt. Die dabei ausschlaggebende Regulierungsgröße zeigt sich in der Finan-zierungsstruktur Sozialer Arbeit, die zumeist die postulierten professions-ethischen Formulierungen untergräbt und ad absurdum führt.
Schlüsselwörter Sozialraumorientierung – Wechselwirkungsgefüge zwischen Feld und Fall – Empowerment – Selbstbestimmung – emanzipatorische Soziale Arbeit – Lösungsfokussierung – Professionsethik

Artikel


Tobias Nickel-Schampier

Effektiver und effizienter?
Hilfen zur Erziehung zwischen fachlichen Herausforderungen und Kostendruck

Zusammenfassung
In den letzten Jahren sind die Hilfebedarfe, Leistungen und Ausgaben im Bereich Kinderschutz und Erziehungshilfen kontinuierlich gestiegen. Im Zuge dieser Entwicklung wird in der fachpolitischen Diskussion gefordert, Maßnahmenformen der Hilfen zur Erziehung effektiver und effizienter einzusetzen. Vor diesem Hintergrund zielen verschiedene Initiativen, wie das Bremer Modellprojekt „Erziehungshilfe, Soziale Prävention und Quartiers-entwicklung (ESPQ)“, darauf ab zu prüfen, ob etwaige Maßnahmenformen der Hilfen zur Erziehung unter Umständen weniger eingriffsintensiv gestaltet werden könnten. Darüber hinaus soll auch ermittelt werden, ob durch alternative Handlungskonzepte der Ausgabenanstieg bei den Hilfen zur Erziehung gebremst oder gar vermindert werden kann.
Ansätze und Konzepte wie das Bremer Modellprojekt beleben eine Diskussion, die innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe seit ungefähr zwanzig Jahren geführt wird und den Kern des Aufsatzes bildet: Die Diskussion um Effektivität und Effizienz der Hilfen zur Erziehung. Denn auch wenn die Einsparung knapper und dringend benötigter monetärer Ressourcen im Rahmen alternativer Ansätze und Konzepte in der Kinder- und Jugendhilfe generell zu begrüßen ist, stellt sich die Frage, ob und inwiefern die entsprechenden Handlungsansätze auch tatsächlich zu „besseren“ Effekten führen als etablierte Maßnahmenformen der Hilfen zur Erziehung. Die Beantwortung dieser Frage, so die zentrale These des vorliegenden Beitrages, ist deswegen so schwierig, weil Forschungsergebnisse und Diskurs hinsichtlich der Qualität von Hilfen zur Erziehung bislang überschaubar sind.
Schlüsselwörter Kinder- und Jugendhilfe – Kostendruck – Hilfen zur Erziehung – ambulante Maßnahmen – Beziehung – Effektivitätsgebot

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    ISSN 2196-2480