EthikJournal 2. Jg. (2014) Ausgabe 1

"Zur ethischen Kritik professioneller Deutungs- und Wahrnehmungsmuster sozialer Probleme"

 

Editorial


Axel Bohmeyer

Vom Erkennen und Urteilen

Max Weber notiert in seinem Aufsatz „Die ‚Objektivität’ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“, der Anfang des 20. Jahrhunderts verfasst wurde: „Es gibt keine schlechthin ‚objektive’ wissenschaftliche Analyse des Kulturlebens oder der ‚sozialen Erscheinungen’ unabhängig von speziellen und ‚einseitigen’ Gesichtspunkten, nach denen sie – ausdrücklich oder stillschweigend, bewußt oder unbewußt – als Forschungsobjekt ausgewählt, analysiert und darstellend gegliedert werden.“ (Weber 1904/1985, 169) Wer nach den professionellen Deutungs- und Wahrnehmungsmustern sozialer Probleme fragt, der bewegt sich zwischen Erkenntnistheorie und Ethik. Wie eigentlich kommt es zu der Wahrnehmung sozialer Probleme und ihrer sozialprofessionellen Ausdeutung? Erst durch die Einführung von Differenzierungen und die Verwendung von Kategorien wird es möglich, Ordnung(en) zu schaffen und damit dem Denken und Handeln Orientierung zu geben. Denn Kategorien sind Ordnungseinheiten, die uns nicht nur ermöglichen, Erfahrungen zu deuten, sondern die uns überhaupt erst ermöglichen, Erfahrungen zu machen.

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Fachartikel


Sabine Schäper

Zur Gouvernementalisierung professionellen Handelns im Spannungsfeld von Zuschreibungen und Eigensinn

Zusammenfassung Soziale und pädagogische Berufe stehen vor der Herausforderung, sich sowohl verstehend auf (potentielle) Nutzer_innen einzulassen, als auch die Hoheit über deren Geschichte – einschließlich der Entscheidung für oder gegen Unterstützungsangebote – ihnen selbst zu überlassen. Von Sozialprofessionellen selbst angemaßte – durch die Nutzer_innen nicht aktiv eingeforderte – Mandate stellen ebenso wie bestimmte fachliche Diskurse Formen der Bemächtigung dar, die sowohl der Legitimierung der Profession als auch dem Fortbestand sozialer Dienstleistungen und sozialpolitischen Problembearbeitungsstrategien dienen. Solche und andere Formen der Bemächtigung lassen sich mithilfe der Machtanalytik Foucaults dechiffrieren. Dabei werden exemplarisch Menschen mit Behinderungserfahrungen als Adressat_innen sozialer Dienstleistungen in den Blick genommen.
Schlüsselwörter
Macht – Gouvernementalität – Diagnostik – Adressierungsprozesse – Inklusion – Eigensinn

Abstract (english)

Artikel


Carolin Neubert

Klatsch als Übergangsritual in der Sozialen Arbeit – fernab ethischer Debatten?

Zusammenfassung Der Beitrag berichtet aus einem laufenden Forschungsprojekt, welches Orte ritueller Praxen in einem ostdeutschen Jugendamt rekonstruiert. Dabei ergaben erste Erhebungen, dass gerade der Schwellenzustand zwischen professioneller Klientenbeziehung einerseits und teils diffuser Kollegenbeziehung andererseits der Ausgestaltung im Sinne eines Übergangsrituals bedarf. Die Mitarbeiter des untersuchten Feldes etablieren dieses in Form einer Klatschkultur, die Klientengespräche beidseitig rahmt. Im Folgenden soll nach dem symbolischen Bedeutungsgehalt und dieser Praxis in Bezug auf die Etablierung einer professionellen Teamkultur gefragt werden. Außerdem werden ethischen Bedenken derselbigen zur Diskussion gestellt. Schlüsselwörter Rituale – Schwellenzustand – Professionalität – Soziale Arbeit – Teamkultur

Abstract (english)

Artikel

 

Fallkommentar


Florian Kiuppis

Von der Bedeutungsrelativität eines Einzelfalls im Kontext von "Behinderung" zur Bewertungsrelativität seiner Auslegung

Luna R. (7 Jahre) ist ein kontaktfreudiges fröhliches Mädchen, das seine Wünsche gegenüber anderen klar äußert und gerne mit anderen Kindern in Kontakt tritt. Aufgrund einer Cerebralparese lebt Luna mit einer ausgeprägten spastischen Bewegungsstörung, insbesondere der Beine. Aufgrund ihrer verwaschenen Sprache und ihres eingeschränkten Sprachverständnis ist die sprachliche Kontaktaufnahme und Kommunikation eingeschränkt möglich, sie verständigt sich weitestgehend durch Zweiwortsätze und Gestik. Zudem ist ihre kognitive Entwicklung verzögert. Luna besucht eine integrative Grundschule und ist seit ihrem ersten Lebensjahr in physiotherapeutischer und logopädischer Behandlung. Aufgrund ihrer Bewegungsstörung bewegt sich Luna fast ausschließlich mit einen Rollstuhl fort. In der Physiotherapie übt sie seit einiger Zeit das Laufen mit einem Rollator und Orthesen sowie den selbstständigen Toilettengang. Die Eltern arbeiten, auch nach mehreren Gesprächen mit der Physiotherapeutin, nicht an diesem Ziel mit. Sie legen dem Kind weiterhin Windeln an und nutzen ausschließlich den Rollstuhl, wenn das Mädchen aus der Schule kommt. Der Therapeutin gegenüber äußern sie, dass sie es wenigstens in ihrer familiären Umgebung „in Ruhe lassen“ wollen. Es sei aus ihrer Sicht eine „Übertherapie“.

Fallkommentar


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    ISSN 2196-2480