Planetary Health versteht Gesundheit als Ergebnis der Verwobenheit von individuellen, sozialen und ökologischen Bedingungen. Das Konzept hat sich im Gesundheitsbereich international etabliert, wird in der Sozialen Arbeit jedoch kaum rezipiert. Der Beitrag bringt daher mit Ecosocial Work und Post-Anthropocentric Social Work zwei Konzepte aus dem englischsprachigen Diskurs der Sozialen Arbeit mit Planetary Health zusammen. Im Zentrum steht die Frage, welche Schnittmengen bestehen und welche Implikationen sich für die Ethik der Sozialen Arbeit ergeben. Im Kontext des more-than-human turn kritisieren alle drei Konzepte den ethischen Anthropozentrismus und vertreten eine relationale Ethik. Für eine Neujustierung der Ethik der Sozialen Arbeit wären jedoch weitere konzeptionelle Konkretisierungen nötig.
Planetay Health Ecosocial Work Post-Anthropocentric Social Work Posthumanismus Holismus Nachhaltigkeit
Einleitung
Das Konzept Planetary Health hat sich in den letzten 10 Jahren im Gesundheitsbereich etabliert (vgl. Horton/Lo 2015; Prescott/Logan u. a. 2018; Traidl-Hoffmann/Schulz u. a. 2021; Fiedler/Schmitz 2025; KLUG 2026). Es wird nicht nur als Konzept, sondern auch als soziale Bewegung, als neues interdisziplinäres Forschungsfeld sowie als utopisches Ziel beschrieben. Planetary Health beruht auf der Idee, dass Gesundheit nicht nur durch individuelle Faktoren wie Disposition, Alter, Geschlecht oder Verhaltensweisen bestimmt wird, sondern auch durch Umwelt-, sozioökonomische und kulturelle Systeme. Im Fokus stehen die Analyse und Bearbeitung der Frage, wie menschliche Einflüsse die Erde, die Gesundheit der Menschen und allen Lebens auf dem Planeten beeinflussen (vgl. von Gierke 2024, 79; Geiselhart/Falkenberg 2025). Das Konzept ist in die Vision des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für globale Umweltfragen „Gesund leben auf einem gesunden Planeten“ integriert (vgl. WBGU 2023) und wird mittlerweile auch in den Berichten des Weltklimarats aufgegriffen (vgl. IPCC 2023, 4; Hax-Schoppenhorst 2024). Planetary Health stellt selbst eine positive Vision als Antwort auf die Klimakrise dar.
Die Vision der planetaren Gesundheit, so lässt sich annehmen, ist auch für viele klima- und umweltbewusste Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen der Sozialen Arbeit anschlussfähig. Durch seine Vielseitigkeit wäre das Konzept in zahlreichen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit, nicht nur in die klinische oder gesundheitsbezogene Soziale Arbeit, integrierbar. So ließen sich viele Themen, die in dem Konzept Planetary Health adressiert werden, z. B. Ernährung, psychische Gesundheit, Mobilitätsfragen oder Naturverbundenheit (KLUG 2026), leicht als Querschnittsthemen identifizieren, die viele Adressat:innen, Träger und damit Praktiker:innen der Sozialen Arbeit beschäftigen. Sie sind oftmals eng mit sozialen Problemen verknüpft, deren Verhinderung und Bewältigung zum Kern der Sozialen Arbeit gehört.
Tatsächlich wird das Konzept Planetary Health in der Sozialen Arbeit gegenwärtig kaum rezipiert, weder international noch im deutschsprachigen Raum[1] . In der seit circa 15 Jahren intensiv geführten Debatte um Nachhaltigkeit, Klimaschutz und die Verantwortung der Sozialen Arbeit für die sogenannte nicht-menschliche Natur (vgl. Gray/Coates 2012; Stamm 2021; Hermans/Stamm u. a. 2025), wird nur an sehr wenigen Stellen auf das Konzept Bezug genommen (vgl. Bell 2023). Der vorliegende Beitrag kann diese Lücke nicht schließen, versucht aber in ersten Schritten, Verknüpfungsmöglichkeiten mit der internationalen Debatte aufzuzeigen. Dabei werde ich insbesondere die Konzepte Ecosocial Work und Post-Anthropocentric Social Work (in der Folge abgekürzt: PASW) in den Blick nehmen.
Im Zentrum des Beitrags steht die Frage, welche besonderen Merkmale die drei Konzepte auszeichnen und welche Schnittmengen bestehen. Für das Konzept Planetary Health werde ich mich dabei vor allem auf die sogenannte Canmore-Erklärung beziehen (vgl. Prescott/Logan u. a. 2018; Schulz/Herrmann 2021). Aufgrund der teils komplexen ontologischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen der Konzepte, insbesondere der PASW (vgl. Bozalek/Pease 2021a; Bell 2023), können nur exemplarisch Schnittmengen vorgestellt werden, ohne dass größere Vertiefungen möglich sind. Darüber hinaus soll der Beitrag erste Hinweise darüber liefern, was Planetary Health und die vorgestellten Konzepte der Sozialen Arbeit für die Ethik der Sozialen Arbeit bedeuten würden und wie sie konzeptionell ausgearbeitet werden könnten. In den folgenden zwei Abschnitten werden zunächst die Konzepte Ecosocial Work und PASW und ihre wesentlichen Merkmale kurz skizziert. Im vierten Abschnitt werden diese dann mit dem Konzept Planetary Health verbunden. Abschließend erfolgt eine kurze Zusammenfassung und ein Ausblick zur (möglichen) Bedeutung von Planetary Health für die (Ethik der) Soziale(n) Arbeit.
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[1] Diese Aussage beruht auf einer intensiven Literaturrecherche zur Vorbereitung dieses Beitrags sowie auf Gesprächen mit Expert:innen aus dem Bereich gesundheitsbezogene Soziale Arbeit. Eine systematische Literaturrecherche konnte für diesen Artikel nicht vorgenommen werden, wäre aber angesichts der zunehmenden Bedeutung des Konzepts ein gebotenes Forschungsvorhaben. International beziehe ich mich auf den englischsprachigen Diskurs, der mehrheitlich in Fachmagazinen und Sammelbänden aus Australien, Großbritannien und den USA geführt wird. ↑
Ecosocial Work
Ecosocial Work kann als Konzept, als Ansatz oder auch als neues Paradigma in der Sozialen Arbeit verstanden werden, das „den Fokus der Profession von der Konzentration auf das Wohlbefinden einzelner Menschen auf eine ganzheitliche Sicht auf das Wohlergehen des gesamten Planeten und aller seiner Spezies auszuweiten sucht“ (Stamm/Ranta-Tyrkkö u. a. 2024; Stamm 2023, 42). Ganzheitlich bedeutet hier, dass soziale und ökologische Perspektiven, Probleme und Lösungen als miteinander verflochten betrachtet werden. Aus ontologischer Sicht werden die ökologische und die soziale Sphäre überwiegend als eine Einheit verstanden; daher folgt der Ansatz einer holistischen – das Soziale und das Ökologische zusammendenkende – „Imagination des Ökosozialen“, die mit dem globalen Ziel der Nachhaltigkeit im Einklang stehen soll (vgl. Thysell/Cuadra 2023)[2] . So konstatieren auch Närhi/Boetto u. a. (2026, 957) in einem aktuellen Aufsatz: „Ecosocial work is an area of knowledge and practice in social work that adopts a holistic worldview“. Dementsprechend wird gleichzeitig von einer Abkehr einer rein anthropozentrisch verstandenen Sozialen Arbeit gesprochen – die nur Menschen einen intrinsischen Wert, der nicht-menschlichen Natur lediglich instrumentellen Wert zuschreibt –, hin zu einem ökozentrischen Ansatz (vgl. Rambaree 2024).[3] Ökozentrismus wird vielfach mit einer holistischen Weltsicht gleichgesetzt (vgl. Thysell/Cuadra 2023, 458). Wie Schmidt (2026) feststellt, müsste hier präziser dargestellt werden, welche Position eingenommen wird, z. B. zwischen einem monistischen und einem pluralistischen Holismus. Ein solche Differenzierung unter Bezugnahme auf philosophische bzw. naturethische Argumente fehlt jedoch weitgehend im Diskurs um Ecosocial Work und Ökozentrismus.
Ecosocial Work überschneidet sich mit anderen Ansätzen wie Environmental, Ecological oder Green Social Work, die in den vergangenen Jahren den internationalen Diskurs geprägt haben (vgl. Gray/Coates u. a. 2013a; McKinnon/Alston 2016; Dominelli 2018)[4] . Das Konzept ist zudem mit strukturellen, kritischen und feministischen Ansätzen in der Sozialen Arbeit verknüpft, „die allesamt ein weites Verständnis des Person-in-Environment-Konzepts und eine kritische Auseinandersetzung mit Machtdynamiken teilen“ (Stamm/Ranta-Tyrkkö u. a. 2024, 180; Närhi/Boetto u. a. 2026). Sie alle betonen das politische Mandat bzw. die Aufgabe der Sozialen Arbeit, auf der Makroebene und nicht nur in Einzelfällen oder im Nahraum von Individuen tätig zu werden. Weiter rückt bei diesen Ansätzen die Verwobenheit der Sozialen Arbeit mit den herrschenden politischen und ökonomischen Bedingungen in den Mittelpunkt. Damit einher geht die Forderung einer kritischer (Selbst-)Reflexion innerhalb der Sozialen Arbeit als wissenschaftliche Disziplin und Profession.
Wie eine systematische Literaturanalyse von Krings/Victor u. a. (2018) gezeigt hat, ist die Zahl der (englischsprachigen) Artikel in internationalen Fachmagazinen der Sozialen Arbeit zu Ecosocial Work und anderen umweltbezogenen Themen in den Jahren 2000 bis 2015 kontinuierlich gestiegen (vgl. Krings/Victor u. a. 2018). Die Studie von Krings/Victor u. a. (2018, 9) zeigt, dass dabei viele Artikel nicht dem dominierenden anglophonen Diskurs (aus Ländern wie den USA und Großbritannien) zuzurechnen sind, sondern aus Ländern außerhalb Europas und Nordamerikas kommen. Diese beziehen sich häufig auf große Umweltkatastrophen, beispielsweise in Indien und China.
Ecosocial Work ist außerdem als transformatives Modell der Sozialen Arbeit beschrieben worden, das Veränderungen in Ontologie (professionelle Identität), Epistemologie (Wissen) und Methodologie (Praxis) umfasst (vgl. Boetto 2017; Boetto/Bowles u. a. 2020). Zudem hat sich in den letzten Jahren ein neues Feld der Ecosocial Work in der Theorieentwicklung und Forschung etabliert (vgl. Hermans/Stamm u. a. 2025). Hinsichtlich der Praxis der Sozialen Arbeit plädieren viele Befürworter:innen von Ecosocial Work für eine Stärkung der Gemeinwesenarbeit, häufig verbunden mit Konzepten der sozialen und solidarischen Ökonomie sowie mit Nachhaltigkeitszielen (vgl. Rambaree/Powers u. a. 2024; Elsen/Tadesse u. a. 2025). Was eine „ökosoziale“ Praxis der Sozialen Arbeit über die Gemeinwesenarbeit hinaus konkret bedeutet, bleibt jedoch häufig offen. Oft wird sie als Querschnittansatz verstanden, dessen mögliche Anwendungsformen von der Einzelfallhilfe über die Gemeinwesenarbeit bis hin zu breiter angelegter struktureller und politischer Arbeit reichen (vgl. Boetto 2016).
Eine Ausrichtung auf Ecosocial Work als neues Paradigma würde auch zur Einführung neuer Prinzipien in der Ethik der Sozialen Arbeit führen, etwa Umweltgerechtigkeit, ökologische Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit (vgl. Kieslinger/Schmelz u. a. 2025; Stamm 2026; Lob-Hüdepohl 2026). Viele dieser Prinzipien sind inzwischen in nationale Ethikleitlinien ebenso wie in internationale Dokumente zur Ethik der Sozialen Arbeit in Praxis und Lehre eingeflossen (vgl. Liu/Flynn 2021; IASSW 2018; IASSW/IFSW 2020). Im deutschsprachigen Raum wird zudem der Begriff der transgenerativen Ethik diskutiert, die intra- und intergenerationelle Gerechtigkeit, als Teil von Nachhaltigkeit verstanden, ins Zentrum zu rücken versucht (vgl. Mührel 2019). Darüber hinaus gibt es eine intensive Debatte um die ethischen Implikationen für die Berufsethik der Sozialen Arbeit im deutschsprachigen Raum (vgl. Stamm 2018; Kieslinger/Schmelz u. a. 2025). Hierbei werden insbesondere die Aspekte „Auftrag der Sozialen Arbeit“ und „neue Verantwortlichkeiten“ diskutiert. So wird vor dem Hintergrund von Ecosocial Work und verwandten Ansätzen eine neue Verantwortlichkeit der Sozialen Arbeit nicht nur für Menschen proklamiert, sondern auch für die nicht-menschliche und unbelebte Natur. Wird jedoch der Schutz der sogenannten nicht-menschlichen Natur zum Verantwortungsbereich der Sozialen Arbeit gerechnet (wie in manchen nationalen Ethikkodizes bereits festgeschrieben ist), kann dies zu einer Verantwortungsdiffusion führen (vgl. Lob-Hüdepohl 2007, 159). Im vierten Abschnitt wird auf die Frage neuer Verantwortlichkeiten ausführlicher eingegangen.
Ein holistisches Naturverständnis, das vielfach dem Ansatz Ecosocial Work zugrunde liegt, kann außerdem zu einer Verschiebung im Hinblick auf Autonomie und Selbstbestimmung der Adressat:innen führen, wenn man einzelne Menschen nur noch in ihrer Verbundenheit verstehen würde. Dies wird besonders bei dem im nächsten Abschnitt beschriebenen Ansatz PASW deutlich. Eine solche Verschiebung wäre bedeutsam, ist doch Autonomie als Schlüsselbegriff und fundamental wichtig für Menschenwürde und Menschenrechte anzusehen (Lob-Hüdepohl 2007, 126). Dabei kann es grundlegend zu einem Konflikt mit der Menschenrechtsorientierung der Sozialen Arbeit kommen, wenn unter diesen eine unzulässige Privilegierung der Menschen als Teil des Ökosystems Erde verstanden wird. Häufig wird dabei auf die Rechte der Natur (z. B. für nicht-menschliche Tiere und Ökosysteme, wie etwas Flüsse) verwiesen (die den Menschenrechten in dieser Argumentation gleichzusetzen wären) und es werden Pflichten betont, die die Menschheit in Bezug auf die nicht-menschliche Natur und in Bezug auf zukünftige Generationen hat. Lob-Hüdepohl (2026, 7) stellt hierbei die Frage, ob sich die Soziale Arbeit nicht zur Eco Rights-Profession entwickeln müsste, die ihren menschenrechtsassoziierten Anthropozentrismus überwinden sollte.[5]
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[2] Wie Thysell/Cuadra (2023) in ihrem Artikel herausstellen, gibt es unterschiedliche Vorstellungen und Interpretationen dieser Verbindung innerhalb des englischsprachigen Diskurses. Dabei fragen sie, ob die beiden Sphären als separat oder verbunden verstanden werden, ob sie als kompatibel oder eher als gegensätzlich gesehen werden und ob in den jeweiligen Auffassungen eine Hierarchisierung vorgenommen wird. Zu den unterschiedlichen Bedeutungen von „ökosozial“ und „sozial-ökologisch“ siehe auch Schmidt (2021, 90ff.). ↑
[3] Zur Problematik holistischer Argumente und einer öko- bzw. physiozentrischen Argumentation für Naturschutz siehe Krebs (2014). ↑
[4] Für eine Übersicht zu den international diskutieren Konzepten siehe Stamm (2021, 34-54), Gray/Akbas u. a. (2026) und Alston (2023) sowie in kompakter Form und mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit, Schmitt (2023). ↑
[5] Zur Vereinbarkeit zwischen dem Menschenrechtsansatz in der Sozialen Arbeit und post-anthropozentrischen Ansätzen siehe auch Ife 2018; Stamm 2023; Kieslinger/Schmelz u. a. 2025. ↑
Post-Anthropocentric Social Work
Im Vergleich zum Ecosocial Work-Ansatz, dessen Grundstein bereits vor 25 Jahren mit dem Konzept Eco-Critical Social Work gelegt wurde (vgl. Matthies/Närhi u. a. 2001; Närhi/Matthies 2016; Stamm 2021), steht die Diskussion um das Konzept PASW noch am Anfang (vgl. Bozalek/Pease 2021a; Bell 2023; Borrmann 2025). Stand bei Ecosocial Work Forschung und Praxis bereits in der Entstehungsphase im Vordergrund, geht es bei dem Konzept PASW bislang vor allem um eine neue philosophische Basis für die Soziale Arbeit, die die Ethik der Sozialen Arbeit miteinschließt, und dann zu einer veränderten Praxis führen soll (vgl. Bozalek/Hölscher 2023; Brunner 2025). PASW bezieht sich im Wesentlichen auf den kritischen Posthumanismus[6] , den neuen Materialismus und eine relationale Ethik (vgl. Bozalek/Pease 2021b; Loh 2023; Richter 2023)[7] . Innerhalb des Ansatzes gibt es zudem starke Anleihen an der kritischen Sozialen Arbeit, die einen Fokus auf gesellschaftliche Veränderungen legt, erweitert um ein neues Natur-Gesellschaft-Verhältnis. Einige Autor:innen bezeichnen den Ansatz als dritte Welle oder Generation der Critical Social Theory (vgl. Wilson 2021, 32)[8] . Auch mit Blick auf epistemologische Gerechtigkeit (Anerkennung und gleichberechtige Nutzung unterschiedlicher Wissensformen) positioniert sich PASW nahe bei neueren Strömungen wie Decolonial Social Work (vgl. Gray/Coates u. a. 2013b; Madew/Boryczko u. a. 2023). Neben neokolonialen Machtverhältnissen und Rassismus, steht auch hier die Anerkennung unterschiedlicher Wissensformen für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit im Zentrum der Überlegungen.
Als Ausgangspunkt dient dem Konzept PASW eine Kritik an den vermeintlich modernistischen Wurzeln der heutigen Sozialen Arbeit, die unter den Stichworten Anthropozentrismus und Humanismus diskutiert werden: „These anthropocentric and humanist ontologies are the foundations of inequitable socio-political and economic systems, cultural practices and the privileged access to resources afforded to those in dominant positions. As such, anthropocentrism and humanism are at the heart of sexism, racism, ableism, colonialism, and other persistent forms of oppression; they have “colonised our imagination” regarding alternative worldviews, philosophies, and transformative practices“ (Noble 2021, 102).
Die Kritik am Humanismus wird vor allem innerhalb des kritischen (feministischen) Posthumanismus bzw. dem neuen Materialismus deutlich. Dabei wird auf das Menschenbild des Humanismus abgezielt, welches gemeinhin Mensch mit Mann gleichsetzen würde. Weiter gedacht, handele es sich vor allem um weiße, westliche, heterosexuelle bzw. heterosexuellen, maskulinen Codes entsprechende, nicht-behinderte Männer, die nach diesem Verständnis des Humanismus gemeint seien (Bozalek/Pease 2021b, 1). Im kritischen Posthumanismus führt dies zu einer allgemeinen Kritik am dichotomischen/dualistischen Denken der Moderne (vgl. Braidotti 2014; Braidotti 2022), unter anderem an der Trennung von Natur und Kultur/Gesellschaft, männlich und weiblich, weiß und nicht-weiß, Nord und Süd sowie Materie und Geist (vgl. Bozalek/Pease 2021b; Bell 2023).
Brunner (2025) weist darauf hin, dass vielfach in posthumanistischen Schriften homogenisiert und wenig differenziert wird. So würde mit dem Gegensatz Posthumanismus/Humanismus ein weiterer Dualismus aufgebaut werden, entgegen dem programmatischen Ziel, diese doch abbauen zu wollen (vgl. Brunner 2025, 6).[9] Ein weiteres Beispiel ist der Bezug zu indigenem Wissen/indigenen Kulturen, welche vielfach als global einheitlich dargestellt werden und im Gegensatz zur sogenannten westlichen Kultur als gutes Beispiel für nachhaltige Mensch-Natur-Beziehungen aufgeführt werden.
Weder ließe sich, so Brunner weiter, der Humanismus für viele Übel (siehe das Zitat von Noble oben) verantwortlich machen (zumindest sei dies zu einfach und unterkomplex), noch könne die Umstellung der Denkungsart auf den Posthumanismus als Rettungsgeschichte gelesen werden (vgl. Brunner 2025, 14). Dennoch sei die Erweiterung des Sichtfelds in Richtung non-humans und more-than-human[10] auch für die Soziale Arbeit sinnvoll. Ich schließe mich dieser Einschätzung von Brunner und auch Borrmann (2025) an. Ohne allen Kritikpunkten zuzustimmen, kommt man an einer solchen Erweiterung kaum vorbei. Damit ist jedoch noch nicht gesagt, wie weitreichend die Implikationen für die Ethik und eine daran ausgerichtete Praxis sein sollen (siehe auch Lob-Hüdepohl 2026).
Der zweite zentrale Kritikpunkt an der gegenwärtig dominierenden Ausrichtung der Sozialen Arbeit richtet sich auf den ethischen Anthropozentrismus. Kurz gefasst ist damit die ausschließliche Fokussierung der Sozialen Arbeit auf Menschen gemeint, die diese nicht nur (implizit) an die Spitze der Entwicklung setzt (englisch oft: human exceptionalism) und damit indirekt die Ausbeutung nicht-menschlichen Lebens und unbelebter Natur rechtfertigt, sondern auch seine Verbundenheit und Abhängigkeit von der nicht-menschlichen Natur ausblendet.
Aus der Kritik an Anthropozentrismus und Humanismus in der Sozialen Arbeit entwickelt PASW eine Alternative (vgl. Bell 2023). Dabei steht 1) ontologisch der Begriff der wechselseitigen Verknüpfung oder Verwobenheit (englisch: Interconnectedness oder oft auch Entanglement) im Zentrum (vgl. Richter 2023). Die Menschen werden nicht als die Spitze der Entwicklung angesehen, sondern als mit der belebten nicht-menschlichen und unbelebten Natur verbundene Wesen (vgl. Bozalek/Pease 2021b; Wilson 2021). Für die Soziale Arbeit bedeutet dies nach Ansicht von Vertreter:innen des Ansatzes jedoch nicht, sich vom Menschen abzuwenden. In dem Verständnis von gegenseitiger Verbundenheit und Abhängigkeit, bedeutet das Streben nach dem menschlichen Wohlbefinden logischerweise auch ein Streben nach einem größeren Ziel, das man mit Planetary Well-Being umschrieben werden könnte und das wiederum mit dem Ansatz Ecosocial Work verbunden ist (vgl. Elo/Hytönen u. a. 2024; Stamm/Ranta-Tyrkkö u. a. 2024). Im Ansatz PASW ist 2) Interconnectedness eng mit einer Aufhebung von Hierarchien innerhalb der Menschheit verbunden. Insbesondere die Verkürzung des Menschenbildes auf eine bestimmte Gruppe von Männern. Diese gelte, wie oben bereits ausgeführt, im Humanismus als Referenzpunkt für alle anderen Menschen.
Epistemologisch wird die Bedeutung indigenen Wissens hervorgehoben, unter anderem werden die afrikanische Philosophie Ubuntu sowie Sumak Kawsay (Quechua, auch als Buen Vivir bekannt) aus Lateinamerika als Beispiele benannt. Neben kritischem Posthumanismus werden auch feministische Theorie, Ökofeminismus und relationale Ethik als neue Wissensquelle für die Soziale Arbeit hervorgehoben. Einige Autor:innen ziehen auch eine direkte Verbindung zu Ecosocial Work und schlagen vor, post-anthropozentrische Philosophie als Grundlage für eine Theorie und Praxis von Ecosocial Work zu nutzen; nicht zuletzt, da das Konzept mittlerweile immer stärker im internationalen Diskurs der Sozialen Arbeit rezipiert werde (vgl. Bell 2023, 130).
Methodologisch soll es aufgrund der veränderten ontologischen und epistemologischen Fundierung ebenfalls zu einer Transformation kommen. So würde die gängige, mehrheitlich am Individuum ausgerichtete Praxis die Relationalität der Adressat:innen ausblenden und somit nicht an die Wurzeln der Probleme herankommen. Daher werden kooperative Ansätze gefordert, die die Trennung zwischen Menschen und der nicht-menschlichen Natur aufheben und verstärkt auf kollektive Maßnahmen setzen (vgl. Bell 2023, 136). Es müsse zu einer „relationalen Praxis“ kommen, die das Prozesshafte von Hilfen betont und die Adressat:innen in der oben beschriebenen Verwobenheit und nicht als isolierte Subjekte in den Blick nimmt (vgl. Boulet 2021; Borrmann 2025). Hier besteht eine enge Parallele zum Konzept Ecosocial Work, das von Anfang an die Stärkung einer an Nachhaltigkeit ausgerichteten, partizipativen Gemeinwesenarbeit forderte (vgl. Matthies/Närhi u. a. 2001; Rambaree/Powers u. a. 2024).
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[6] Es gibt zahlreiche Strömungen des Posthumanismus, wie unter anderem Janina Loh (2023) in ihrer Einführung zu Trans- und Posthumanismus zeigt. Dabei greift sie neben dem kritischen Posthumanismus, der die Überwindung des Humanismus und seines Menschenbildes zum Ziel hat, noch den technologischen Posthumanismus sowie den Transhumanismus auf. Diese beiden Strömungen befassen sich kurzgefasst mit der Verbesserung des Menschen durch biologisch-genetische und digital-technische Mittel und stehen in starkem Kontrast zum kritischen Posthumanismus (siehe auch Brunner 2025, 2). Im vorliegenden Beitrag und in der Debatte um PASW bezieht sich der Begriff Posthumanismus demnach stets auf den kritischen Posthumanismus, wie ihn Loh (2023) unter anderem skizziert. ↑
[7] Für einen Überblick zum Ansatz Post-Anthropozentrismus und Soziale Arbeit empfiehlt sich Borrmann (2025), der sich in seinem Aufsatz meist direkt auf Rosi Braidotti und ihre Schriften bezieht. Im vorliegenden Beitrag beziehe ich mich vor allem auf Interpretationen und Ausführungen aus der internationalen, englischsprachigen Debatte, insbesondere auf die australische Sozialarbeitstheoretikerin Karen Bell (2012; 2021; 2023) sowie die kanadische Theoretikerin Tina E. Wilson (Wilson 2021; Wilson/McDermid 2026). Zur Bedeutung der „neuen Materialismen“ und post-anthropozentrischen Positionen in der Sozialen Arbeit siehe auch Retkowski/Sierra Barra (2022) sowie Schmelz (2022). ↑
[8] Wilson (2021, 32) beschreibt die drei Wellen folgendermaßen: „from structural (functionalism and conflict) to poststructural (postmodern, postcolonial, some identity knowledges), and now the range of conversations captured under the rubric of the post-anthropocentric (posthumanism, new materialism, the affective turn, Indigenous philosophy, a decolonial pluriverse, among others)“. ↑
[9] Weitere Beispiele sind die Begriffe Western Social Work (vgl. Wilson/McDermid 2026), Conventional Social Work oder auch Mainstream Social Work (vgl. Bell 2012; Bell 2023; Bozalek/Pease 2021b), die häufig in englischsprachigen Fachaufsätzen zu Postanthropozentrismus und Ecosocial Work zu finden sind. Diese dienen offenbar zur Abgrenzung, wobei die Gegenbegriffe nicht immer klar benannt werden. ↑
[10] Der Begriff more-than-human dient in der internationalen, englischsprachigen Debatte oftmals als Stellvertreterbegriff für PASW. Der Begriff wurde bereits in den 1990er Jahren vom „Öko-Phänomenologen“ David Abram eingeführt. More-than-human wird auch als Ansatz interpretiert und dabei als Kritik an einer rein auf Menschen fokussierten Sozialen Arbeit verstanden (vgl. Wilson/McDermid 2026, 3). ↑
Verbindungen zum Konzept Planetary Health und zur Ethik Sozialer Arbeit
Was bedeutet dies nun für die Verknüpfung von Planetary Health? Mit Blick auf die sogenannte Canmore-Erklärung über die Grundprinzipien von Planetary Health (vgl. Prescott/Logan u. a. 2018; Schulz/Herrmann 2021) lassen sich leicht Verbindungen zum Ansatz Ecosocial Work identifizieren. Dabei werden auch ethische Implikationen indirekt adressiert, die sich zwar zunächst auf Gesundheitsberufe beziehen, aber vielfach auf soziale Berufe insgesamt übertragen werden können. So wird unter anderem von einer Verbundenheit und Abhängigkeit zwischen menschlicher Gesundheit und planetarer Gesundheit gesprochen. Hier scheint eine ökozentrische Sicht auf die Welt durch, wie sie auch bei vielen Konzeptionen von Ecosocial Work und auch im Ansatz PASW zu finden ist. Dies drückt sich weiter an mehreren Stellen der Erklärung aus, wenn auf Beziehungen, Gegenseitigkeit und Verantwortung, Reziprozität und Naturverbundenheit rekurriert wird (vgl. Schulz/Herrmann 2021, 3/4). Trotz der Betonung von Relationalität und Verbundenheit aller Ökosysteme, ist Planetary Health mit Blick auf die teils radikale Abwendung vom human exceptionalism des kritischen Posthumanismus als ethisch anthropozentrisch zu bezeichnen; wobei der menschliche Einfluss auf die „Gesundheit“ des Planeten im Fokus steht. Gleichwohl beziehen sich, an einigen wenigen Stellen, Vertreter:innen einer PASW auf das Konzept Planetary Health (vgl. Bell 2023, 12).
In Bezug auf die Canmore-Erklärung ließe sich weiter der Aspekt „Integration und Einheit“ hervorheben (Schulz/Herrmann 2021). Dieses Prinzip fordert integrative Ansätze angesichts der komplexen Herausforderungen sowie die Aufgabe konventionell professioneller, gesellschaftlicher und kultureller Trennungen (vgl. Schulz/Herrmann 2021, 3). Dies scheint mit posthumanistischem Denken kompatibel, das ebenfalls die Aufhebung einer starren Trennung der etablierten Wissenschaftsdisziplinen fordert und eine Verbindung von Wissenschaft und kulturellen Erzählungen vorschlägt. Diese Haltung findet sich oftmals auch bei Vertreter:innen von Ecosocial Work. Borrmann (2025, 6) weist zu diesem Punkt darauf hin, dass die Soziale Arbeit mit ihrer inter- und transdisziplinären Ausrichtung grundsätzlich gut für neue Wege (auch in der Wissenschaft) im Rahmen des Post-Anthropozentrismus geeignet wäre. Dies würde dann auch eine mögliche Verbindung zwischen Planetary Health und Sozialer Arbeit betreffen. Weiter wird in der Canmore-Erklärung die Ausbildung und Haltung der Fachkräfte im Gesundheitswesen adressiert. Hier heißt es unter anderem, dass „die Verflechtung des menschlichen Lebens mit der Biodiversität der Erde und ihren natürlichen Systemen, […] Eingang in die Ausbildung aller Fachkräfte […] finden“ soll (Schulz/Herrmann 2021, 4). Auch hier ließe sich eine Übertragung auf die Ausbildung bzw. das professionelle Selbstverständnis und die Haltung von angehenden Sozialarbeiter:innen vornehmen. Ein weiterer Punkt, der sich in vielen grundlegenden Dokumenten zu Planetary Health, allerdings nicht explizit in den Prinzipien der Canmore-Erklärung, finden lässt, ist der Bezug auf sogenanntes indigenes Wissen (vgl. Prescott/Logan u. a. 2018, 6). Dahinter steht die Annahme, dass indigene Gemeinschaften ein anderes Naturverständnis haben würden, das die wechselseitige Verbundenheit und Abhängigkeit stärker im Blick hat und damit dem Streben nach „planetarer Gesundheit“ förderlicher wäre. Dies stellt eine große Schnittmenge zu den Ansätzen Ecosocial Work und PASW dar (vgl. Bozalek/Pease 2021a; Muñoz-Arce 2025; Närhi/Boetto u. a. 2026).
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass das Konzept PASW in Bezug auf eine Erweiterung des Geltungsbereichs der Sozialen Arbeit (und damit seiner Ethik) noch weiter geht als Ecosocial Work. Bei letzterem lässt sich je nach Auslegung ein (kritischer) Anthropozentrismus (vgl. Grunwald 2016) ausmachen, bei dem zwar die nicht-menschliche Natur zum Verantwortungsbereich der Sozialen Arbeit gezählt wird, das menschliche Wohlbefinden dennoch weiter im Vordergrund steht. Bei PASW ist dies deutlich klarer formuliert, was dann aber auch mögliche Komplikationen im Hinblick auf Subjektbildung, Autonomie und Selbstbestimmung nach sich zieht. In einem kurzen Thesenpapier wirft beispielsweise der IFSW-Generalsekretär Rory Truell mit Blick auf die Internationale Definition der Sozialen Arbeit die Frage auf, ob wir nicht eher von co-determination anstelle von self-determination sprechen sollten und ob es nicht eigentlich um holistic rights and responsibilties gehen müsse, anstatt um Menschenrechte (vgl. Truell 2022, 23; Borrmann 2025). Dies deutet darauf hin, dass gewisse ontologische Verschiebungen, die dem (kritischen) Posthumanismus zuzurechnen sind, bereits auf höchster Ebene professionspolitischer Debatten angekommen sind. Folgt man dieser Argumentation, bestünde jedoch die Gefahr, dass es verstärkt zu Rechtekollisionen kommt, sobald man Rechte „der Natur“ als gleichwertig oder sogar höher einstuft (siehe auch Lob-Hüdepohl 2026). Außerdem werden von manchen Vertreter:innen einer PASW die Pflichtenseite der Menschenrechte betont. Im modernen Menschenrechtsdenken sind die Menschenrechte jedoch klar entkoppelt von den Pflichten Einzelner. Sie sind unveräußerlich und gelten unabhängig von der Erfüllung von Pflichten. Die Pflichtentrias der Menschenrechte – Achtung, Schutz und Gewährleistung – liegt aufseiten der Staaten bzw. staatlicher Institutionen (vgl. Krennerich 2023, 25).
Borrmann (2025, 6) weist weiter darauf hin, dass aus der Perspektive der Wissenschaft der Sozialen Arbeit eine Erweiterung des Gegenstands um nicht-menschliche Akteur:innen auch zu einer Hinterfragung der Mandate der Sozialen Arbeit führen könnte. So wäre ein viertes Mandat (im Anschluss an das mittlerweile etablierte Konzept des Tripelmandats nach Silvia Staub-Bernasconi; zuletzt in Staub-Bernasconi 2019, 83ff.), bei dem Sozialarbeitende stellvertretend das Mandat von nicht-menschlichen Akteur:innen übernehmen, denkbar. Müsste die Losung „People First“ (Lob-Hüdepohl 2013) in der Mandatsfrage demnach fundamental in Frage gestellt werden? Für den Menschenrechtsansatz erkennt Brunner (2025, 16) die Notwendigkeit einer „ökozentrischen Erweiterung“. Tatsächlich wird innerhalb der Vereinten Nationen bereits seit Jahren die ökologische Dimension der Menschenrechte diskutiert (vgl. Dörfler/Stamm 2023). Somit wird auch auf der Ebene der Vereinten Nationen eine klare Verbindung zwischen Menschenrechten und dem Prinzip Nachhaltigkeit hergestellt. Eine Verbindung, die unter anderem Lob-Hüdepohl (2007) für eine Ethik der beruflichen Praxis hervorhebt. Ob dies jedoch eine ausreichende „Transformation“ des Menschenrechtbezugs im Sinne einer PASW wäre, muss angezweifelt werden. So schreibt Bell (2023, 136): „The dominant anthropocentric construction of human rights is arguably an anthropocentric, settler-colonialist construction and is not necessarily shared by marginalised Indigenous worldviews and ancient wisdom“. Die Frage nach der Bedeutung der Menschenrechte betrifft ebenfalls die Mandatsfrage der Sozialen Arbeit. So könnte als Alternative zu einem neuen (vierten) Mandat auch das dritte Mandat (Mandat der Profession) erweitert werden, in dem die ökologische Dimension der Menschenrechte eine stärkere Gewichtung bekommt (vgl. Stamm 2021, 94).
Zusammenfassung und Fazit
Bereits im Jahr 2012 fragten Gray und Coates (2012, 239) in einem Aufsatz zum Thema „Environmental ethics for social work“: „What is the significance of the ‘non-human’ for social work?“ Damals wohl noch eine außergewöhnliche, für manche sogar seltsam anmutende Frage für eine Profession und Disziplin, deren Kern seit jeher die sozialen Probleme und das Wohlbefinden von Menschen sind. Heute scheint diese Frage weniger außergewöhnlich. Es haben sich in den letzten 15 Jahren zahlreiche Konzepte und Ansätze – manche sprechen auch von einem neuen Paradigma – etabliert und die großen internationalen Verbände der Sozialen Arbeit transportieren mit ihrer professionspolitischen Arbeit mehr und mehr ökosoziale Themen in die globale Community der Sozialen Arbeit. Dabei handelt es sich im Fall von Ecosocial Work um einen frühen Vorläufer, im Fall von PASW, der die Erweiterung der Mandate Sozialer Arbeit in Richtung nicht-menschlicher Natur auf deutlichsten fordert, um den aktuellsten Vorschlag innerhalb der globalen Debatte. Auch in Deutschland werden seit Anfang dieses Jahrzehnts Fragen nach der Verantwortung der Sozialen Arbeit im Angesicht der Klimakrise und für eine nachhaltigere Zukunft gestellt. Man kann festhalten, dass der more-than-human turn in der Sozialen Arbeit begonnen und zunehmend Einfluss auf Debatten zur Ethik Sozialer Arbeit hat (vgl. Wilson/McDermid 2026). Einige Aspekte, u. a. Fragen nach der Autonomie/Selbstbestimmung von Adressat:innen, nach dem professionellen Auftrag und den konkreten Verantwortlichkeiten von Sozialarbeiter:innen, wurden in diesem Beitrag anhand der beiden Konzepte Ecosocial Work und PASW in der gebotenen Kürze ausgeführt. Dabei wurde bereits deutlich, dass es bestenfalls grobe Hinweise darüber gibt, was der more-than-human turn für die Ethik Sozialer Arbeit bedeutet. Anders ausgedrückt: Die Richtung scheint geboten, da die Klima- und die Biodiversitätskrisen unsere wechselseitige Verbundenheit mit und unsere Abhängigkeit von der nicht-menschlichen Natur immer deutlicher zeigen, das Ziel bleibt dennoch unscharf. Zunächst erscheint es sinnvoll, die Hinterfragung des Menschenbildes, insbesondere des darin implizit enthaltenen ethischen Anthropozentrismus, die der kritische Posthumanismus vornimmt, anzuerkennen und erste Handlungsschritte für eine veränderte Praxis zu versuchen. Und gleichzeitig gilt, wie es Borrman (2024, 8) formuliert, „die menschliche Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen und so ehrlich zu sein, eine Hierarchie in einer weiterzuentwickelnden Spezies-übergreifenden Ethik nicht zu negieren“.
Der vorliegende Beitrag stellte die Frage, welche Merkmale die Konzepte Ecosocial Work, PASW und Planetary Health auszeichnen und welche Schnittmengen bestehen. Eine Schnittmenge besteht offenkundig in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Anthropozentrismus. Hier scheint es größere Gemeinsamkeiten zwischen Ecosocial Work und dem Konzept Planetary Health zu geben, die beide zwar die Verbundenheit zwischen Menschen und der nicht-menschlichen Natur herausstellen, aber doch weniger radikal die Dezentrierung des Menschen voranzutreiben versuchen. Innerhalb des PASW stellt dies relativ deutlich eine Kernforderung dar. Dennoch überwiegen insgesamt die Gemeinsamkeiten. Alle drei Konzepte beziehen sich auf eine relational-holistische Ethik und betonen die Wichtigkeit indigener Wissensformen. Eine Forderung, die in der Sozialen Arbeit auch mit dem Verweis auf Dekolonialisierung und epistemische Gerechtigkeit aufgestellt wird. So kann ein gewisser Konsens in der Sozialen Arbeit über diese Neuausrichtung vorausgesetzt werden. Die konkrete Beantwortung der eingangs zitierten Frage bleibt dennoch bislang vage, auch unter Bezugnahme auf die diskutierten Konzepte.
Insgesamt muss bedacht werden, dass PASW bislang vor allem auf einer theoretischen Ebene verharrt. Es geht um eine neue philosophische Basis für die Soziale Arbeit und auch die Ausführungen zur Ethik der Sozialen Arbeit bleiben bislang eher abstrakt. Die Versuche, über neue Figurationen bzw. Erzählungen (beispielhaft: Becoming-Octopus; vgl. Bozalek/Hölscher 2023), dürften nur eine Minderheit in der Sozialen Arbeit ansprechen und höchstens über Umwege zu einer veränderten Ethik führen. Im Gegensatz dazu hat sich Ecosocial Work von Anfang an umfassender verstanden. Das heißt, dass Theorie- oder Konzeptentwicklung, Forschung und Praxis hier verschränkt in den Blick genommen wurden. Insofern ist Planetary Health mit seinen Aktionsfeldern Ernährung, Mobilität, psychische Gesundheit und Co-Benefits, u. a. Naturverbundenheit, für den Ansatz Ecosocial Work deutlich anschlussfähiger. So wird unter anderem das Ernährungskonzept Planetary Health Diet auch für die Praxis der Sozialen Arbeit diskutiert (vgl. Dörfler [2026] in diesem Heft).
Am Ende handelt es sich um verschiedene Spielarten einer Neuausrichtung der Sozialen Arbeit, die im Zeichen zunehmender ökologischer Krisen geboten erscheint (siehe auch Lob-Hüdepohl 2026). Um die Bedeutung für die Ethik Sozialer Arbeit zu präzisieren, wäre es wichtig, von der Analyse zur konkreten Praxisbedeutung zu kommen. Hierfür scheinen die Gesundheitsberufe unter Bezug auf den Planetary Health-Ansatz schon einen Schritt weiter.
Literaturverzeichnis
Weitere Artikel dieser Ausgabe
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12 Jg. (2026) Ausgabe 1
Planetary HealthPlanetary Health Justice – ein neues Paradigma für die Ethik Sozialer Professionen?!
Abstract Planetary Health gilt gerade in der klimapolitischen Debatte als neues Paradigma, das über den Aspekt der Gesundheit den alle und alles umfassende Anspruch einer menschenrechtsbasierten Ethik konsequent zur Geltung bringen will. Der Aufsatz rekonstruiert die wichtigsten Entwicklungslinien und normativen Anforderungen, die auch die (professionelle) Soziale Arbeit erfassen. Denn Planetary Health ist insbesondere durch den essentiellen Bezug auf Gerechtigkeitsfragen ein normativ hochanspruchsvolles Projekt. Die Einbeziehung moralischer Rechte auch von (nichtmenschlichen) Tieren oder aller Ökosysteme insgesamt stellt Soziale Arbeit zugleich vor die Frage, ob sie sich noch allein als Menschenrechtsprofession verstehen kann oder sich zu einer Eco-Rights-Profession weiterentwickeln muss. Selbst wenn sich dies nicht als nötig erweist, muss sie eine wichtige Akteurin einer Planetary-Health-Akteurin werden.
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12 Jg. (2026) Ausgabe 1
Planetary HealthNaturtheoretische und ethische Implikationen von Planetary Health
Abstract Die im Planetary-Health-Konzept zum Ausdruck gebrachte menschliche Verantwortung für eine gedeihliche Entwicklung des gesamten Planeten ist theoretisch wie ethisch sehr voraussetzungsvoll und bislang noch kaum ausformuliert. Der vorliegende Beitrag will diese Lücke angehen. Es geht in diesem Beitrag aber nicht darum, dem Planetary-Health-Konzept weiter nachzuspüren, sondern um die Darstellung und Diskussion eines Natur- und Ethikverständnisses, das dieser Verantwortung gerecht werden könnte. Dafür wird auf das von Lovelock und Margulis entwickelte und von Latour politisierte Gaia-Modell der Natur zurückgegriffen, um daran anschließend die ethischen Implikationen des Modells herauszustellen und ihnen entlang des Vorschlags einer pluralistisch-holistischen Naturethik nach Martin Gorkes nachzugehen.