EthikJournal

Christian Ghanem (Nürnberg) Andreas Lob-Hüdepohl (Berlin)

Editorial

Die vorliegende Ausgabe des EthikJournals versammelt den zweiten Teil der Beiträge zum in einer Doppelausgabe erscheinenden Themenschwerpunkt Transformative Digitalisierung in der Sozialen Arbeit. Die Beiträge dieses Schwerpunkts reflektieren Digitalisierungsprozesse (von Teilbereichen) der Sozialen Arbeit, besonders unter dem Fokus, welchen Zukunftsoptionen, Visionen und normativen Leitoptionen sie folgen – offen oder versteckt, bewusst oder unbewusst. Gleichzeitig werden Überlegungen zu den intendierten und nicht-intendierten Folgen digitaler Technologien und digitaler Kommunikation angestellt, um eine Grundlage für notwendige Reflexionen hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen der Rolle der Sozialen Arbeit in diesen transformativen Prozessen auszuloten. Während in der ersten Ausgabe des Themenschwerpunkts (02/2021) einleitend vorrangig grundlegende Perspektiven auf digitale Transformationsprozesse angelegt wurden, fokussiert die nun vorliegende zweite Ausgabe (01/2022) tendenziell anwendungsorientierte Analysen, die u.a. auf konkreten Forschungsprojekten basieren.

In zunehmendem Maße wird auch die Soziale Arbeit von der Digitalisierung weiter Teile der Gesellschaft erfasst und agiert selbst als Akteurin dieser Veränderungsprozesse. Nicht nur lebensweltliche Kommunikation von Klient:innen und Fachkräften finden zunehmend in digitalen Räumen statt, sondern auch professionelle Beziehungen und Organisationshandeln. Diese Transformationsprozesse stellen die Praxis genauso wie die Wissenschaft vor Herausforderungen, die nicht zuletzt mit der Corona-Pandemie vermehrt in den Fokus geraten. Die Digitalität von Umwelten hat mittelbaren und unmittelbaren Einfluss auf die Konstitution der Sozialen Arbeit, da sich dadurch veränderte Mechanismen potenziellen Regierungshandelns, neuartige soziale Probleme sowie Lösungsmöglichkeiten ergeben und Bewältigungskulturen entstehen, die Möglichkeitsräume für spezifisches Bewältigungsverhalten erweitern oder verengen.

Die mit der Digitalisierung einhergehenden Umbrüche sind längst nicht mehr durch die individuelle oder kollektive Nutzung digitaler Endgeräte zur Kommunikation oder Dokumentation zu erklären. Das Spezifische der Digitalisierung eines 4.0 geht weit über die seit den 1960er Jahren vertraute Übersetzung, Speicherung, Verarbeitung und Übermittlung von Informationen in binären Codes hinaus. Es besteht vor allem in der galoppierenden Geschwindigkeit, mit der bis dato unvorstellbare Mengen von Daten in immer kürzerer Zeit erhoben, verarbeitet und sogar für die sich zunehmend selbststeuernde Neuentwicklung (‚maschinelles Lernen‘, ‚Künstliche Intelligenz‘) von Software (‚Applikationen‘) genutzt werden können. Diese informationstechnische Errungenschaft entwickelt eine Eigenlogik, die sich unweigerlich tief in die persönliche Lebensführung von Menschen insgesamt wie in die professionellen Vollzüge Sozialer Arbeit im Besonderen einschreibt und damit deren Strukturlogik erheblich verändern (‚transformieren‘) kann. (Gesellschaftliche) Transformationen bilden ihrerseits einen speziellen Typus sozialer Wandlungsprozesse. Ihr Charakteristikum besteht darin, dass sie nicht nur Entwicklungen innerhalb bestehender sozialer Strukturen markieren, sondern dass sie tiefgreifende soziale Veränderungen der Strukturen selber bewirken – Strukturveränderungen, die mehr oder minder von bestimmten Akteur:innen oder Akteurs-gruppen bewusst vorangetrieben und gestaltet werden. Transformationen stehen also für „Umformungen, Übergänge, Umgestaltungen von Gesellschaft-, Ordnungs- und Entwicklungsmodellen“ und „gesellschaftlichen respektive sozialen Formationen“ (Reißig 2014, 53). Sie sind sowohl ein „intentionaler, eingreifender, gestaltender“ als auch ein „eigendynamischer, organisch- evolutionärer Entwicklungsprozess“ (Reißig 2014, 54). Weil Transformationen damit immer auch bewusst gestaltete Prozesse verkörpern, folgen sie regelmäßig bestimmten Zukunftsannahmen, Visionen und vor allem normativen Leitideen – seien sie von ihren gesellschaftlichen Protagonist:innen offensiv vertreten oder aber – etwa aus strategischen Interessen – verdeckt und im Verborgenen verfolgt. Zwar bleiben alle Transformationsprozesse immer ergebnisoffen, weil sie von vielen unvorhersehbaren, endogenen wie exogenen Faktoren abhängen. Das hält sie aber zugleich auch offen für kritisch-innovative Lernprozesse wie möglicherweise auch für Revisionen und Nachsteuerungen.

Die Beiträge zu diesem Themenschwerpunkt des EthikJournals, der in einer Doppelausgabe erscheint, reflektieren Digitalisierungsprozesse (von Teilbereichen) der Sozialen Arbeit besonders unter dem Fokus welche Zukunftsoptionen, Visionen und normativen Leitoptionen sie folgen – offen oder versteckt, bewusst oder unbewusst. Gleichzeitig werden Überlegungen zu den intendierten und nicht-intendierten Folgen digitaler Technologien und digitaler Kommunikation angestellt, um eine Grundlage für notwendige Reflexionen hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen der Rolle der Sozialen Arbeit in diesen transformativen Prozessen auszuloten. Dabei werden in der ersten Ausgabe des Themenschwerpunkts (02/2021) einleitend grundlegende Perspektiven auf digitale Transformationsprozesse angelegt, wohingegen die zweite Ausgabe (01/2022) vorwiegend tendenziell anwendungsorientierte Analysen u.a. basierend auf konkreten Forschungsprojekten beinhaltet.

Die erste Ausgabe des Themenschwerpunkts eröffnet Carmen Kaminsky mit normativ ethischen Reflexionen von Digitalisierungsprozessen. Dabei zeichnet sie nicht nur aktuelle Entwicklungen nach, die zu einem Digitalisierungsdruck sowie Transformationssorgen seitens der Sozialen Arbeit führen. Durch eine Zusammenfassung der Diskurslandschaft in der Sozialen Arbeit zeigt die Autorin eine Entwicklung von einer tendenziell digitalisierungsskeptischen hin zu einer sich öffnenden Profession, der sie einen Sinneswandel seit gut zehn Jahren attestiert. Dabei argumentiert sie, dass die Soziale Arbeit herausgefordert ist, sich zu den gesellschaftsweiten digitalen Transformationsprozessen zu verhalten, um sich das bedrohte professionelle Selbstverständnis zu bewahren und dabei eine „Vision einer menschengerechten und sozial verträglichen Digitalisierung zu entwickeln“ (Kaminsky 2021, 18). Für diese Positionierung schlägt Kaminsky unterschiedliche ethische Dimensionen vor (individualethisch, sozialethisch, professionsethisch und organisationsethisch) und formuliert jeweils Leitfragen, die für die gebotenen und stets kontextspezifischen Reflexionen Anwendung finden sollten.

Ein fiktives Anwendungsbeispiel zum Ausgang nehmend diskutiert Björn Görder anschließend in seinem Beitrag potentielle Anwendungsszenarien von KI-Algorithmen in Kontexten Sozialer Arbeit. Dabei geht er ausführlich auf die ihrer Funktionsweise zugrundeliegende Logik der Mustererkennung ein, der er grundsätzlich eine Anschlussfähigkeit für Arbeitsweisen der Sozialen Arbeit attestiert. Angesichts der Leistungsfähigkeit von KI-Algorithmen, über die Mustererkennung hinaus auch Verhalten gezielt beeinflussen zu können, fokussiert der Beitrag dann Fragen der ethischen Vertretbarkeit des Einsatzes von KI in der Sozialen Arbeit. Dabei hebt der Autor als einige zentrale Aspekte insbesondere Fragen der Transparenz, der (un)gerechtfertigten Diskriminierung und der Selbstbestimmung heraus. Anschließend an die je spezifischen Anwendungsfragen zeigt der Autor auf, inwiefern vordergründig letztlich sozialethische und metaethische Grundsatzfragen von Verantwortlichkeit, moralischem Urteilen und Subjekthaftigkeit angesprochen sind, die die Gestaltung unseres Wirtschafts- und Sozialsystems, des politischen Raums und zwischenmenschlicher Interaktion allgemein betreffen und die durch den verbreiteten Einsatz von KI-Technologien und die dadurch in Gang gesetzten gesellschaftlichen Transformationsprozesse virulent werden.

Im anschließenden Beitrag zeigen Andreas Kruse und Eric Schmitt inwiefern ein sensibler Einsatz von Technologien in Lebenswelten alter Menschen nicht a priori als die Würde des Menschen beschneidend zu begreifen ist, sondern vielmehr Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Teilhabe ermöglichen können. Mit Blick auf die Entwicklung (Designprinzipien), Verbreitung und Nutzung digitaler Technologien diskutieren die Autoren mit einem Fokus auf die spezifische Vulnerabilität und Potenziale im hohen Alter sieben Prinzipien, die dabei als ethischer Orientierungsrahmen zu begreifen sind. Für die Diskussion konkreter Risiken bzw. ethischer Dilemmata der Nutzung digitaler Technologien im Alter legen die Autoren schließlich den Fokus auf die zwei sich in Teilen überschneidenden Anwendungsfelder des Enhancements und der Pflege, die sie heuristisch als zwei Endpunkte eines Kompetenz-Kontinuums identifizieren. Dabei verweisen die beschriebenen Dilemmata im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Wohlergehen, Schadensvermeidung und Einschränkung und hinsichtlich Bedürfnissen nach Bezogenheit – so die Schlussfolgerung der Autoren – vordergründig auf die Frage nach der (notwendigen) Offenheit bei der Gestaltung von Entscheidungsprozessen zugunsten oder gegen die Anwendung von Technologien im Allgemeinen wie im konkreten Einzelfall.

Michael Reder, Robert Lehmann, Rebecca Gutwald, Jennifer Burghardt, Maximilian Kraus und Nicholas Müller stellen in dem diese Ausgabe abschließenden Beitrag erste Ergebnisse ihres Forschungsprojekts Kann ein Algorithmus im Konflikt moralisch kalkulieren vor, in dem die Forschungsgruppe untersucht, ob und inwiefern digitale Technologien Fachkräfte bei Einschätzungen von Kindeswohlgefährdungen unterstützen können. Während die Diskussion um Chancen und Risiken des Einsatzes KI-gestützter Technologien für die Soziale Arbeit sich in Deutschland bislang auf akademische Diskurse beschränkt, halten die Autor:innen deren Anwendungsreife auch in Deutschland aufgrund ihrer nachgewiesen hohen Vorhersagequalität lediglich für eine Frage der konkreten Ausgestaltung. Die zentrale Herausforderung bei der Konzeption eines solchen Algorithmus liegt demnach "in der Übersetzung einer, aus mathematischer Perspektive, skalaren Problemstellung mit multiplen Perspektiven in einen durch Null und Eins definierten Output" (Lehmann et al. 2021, 5). Abschließend skizziert die Forschungsgruppe einen ersten Entwurf eines KI-basierten Assistenzsystems im Kinderschutz, der auf identifizierten ethischen Fragenkomplexen und Erkenntnissen über zentrale Verbesserungspotenziale auf der Grundlage von Praxisbesuchen in zwei Jugendämtern basiert.

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Literaturverzeichnis

Weitere Artikel dieser Ausgabe

  • Rebecca Gutwald (München) Jennifer Burghardt (Nürnberg) Maximilian Kraus (Würzburg) Michael Reder (München) Robert Lehmann (Nürnberg) Nicholas Müller (Würzburg)

    7. Jg. (2021) Ausgabe 2
    Transformative Digitalisierung in der Sozialen Arbeit I

    Soziale Konflikte und Digitalisierung Chancen und Risiken digitaler Technologien bei der Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen

    Abstract Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit der Relevanz, den Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Sozialen Arbeit, wie sie im kooperativen Forschungsprojekt "Kann ein Algorithmus im Konflikt moralisch kalkulieren (KAIMo)" untersucht werden. Am Beispiel des spannungsreichen Feldes des Kinderschutzes thematisiert der Beitrag, ob und inwiefern digitale Technologien Fachkräfte bei der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung unterstützen können. Auf der Basis aktueller Forschungen werden Anforderungen an eine digitale Lösung zur Unterstützung der fachlichen Praxis formuliert, die der ethischen Signifikanz Rechnung tragen sowie die praktische Anwendung durch Prototypen getestet. Im Beitrag werden die zentralen Forschungsfragen des Projekts diskutiert und die anvisierten Lösungsschritte aufgezeigt.

  • Carmen Kaminsky (Köln)

    7. Jg. (2021) Ausgabe 2
    Transformative Digitalisierung in der Sozialen Arbeit I

    Digitale Transformation Sozialer Arbeit? – Ethische Orientierungen auf neuem Terrain

    Abstract Das Fach Soziale Arbeit ist auf allen Ebenen herausgefordert zu entscheiden, wie weit es sich auf Digitalisierungen einlässt. Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als das Selbstverständnis der Profession, die Effektivität ihrer Praxis sowie nicht zuletzt auch die Funktionstüchtigkeit ihrer Organisationen und Einrichtungen. Um zu klären, wie sich das gesellschaftsweite Phänomen der digitalen Transformation auf die Belange der Sozialen Arbeit auswirkt und zu welchen Wandlungen es in der Sozialen Arbeit führen darf und muss, sind verschiedene, sich überlappende normativ ethische Diskurse entstanden. Es geht im vorliegenden Beitrag darum, einen Überblick über die ethischen Dimensionen der laufenden Debatten zu gewinnen und erste Landmarken auszuweisen.