Max Weber notiert in seinem Aufsatz „Die ‚Objektivität’ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“, der Anfang des 20. Jahrhunderts verfasst wurde: „Es gibt keine schlechthin ‚objektive’ wissenschaftliche Analyse des Kulturlebens oder der ‚sozialen Erscheinungen’ unabhängig von speziellen und ‚einseitigen’ Gesichtspunkten, nach denen sie – ausdrücklich oder stillschweigend, bewußt oder unbewußt – als Forschungsobjekt ausgewählt, analysiert und darstellend gegliedert werden.“ (Weber 1904/1985, 169) Wer nach den professionellen Deutungs- und Wahrnehmungsmustern sozialer Probleme fragt, der bewegt sich zwischen Erkenntnistheorie und Ethik. Wie eigentlich kommt es zu der Wahrnehmung sozialer Probleme und ihrer sozialprofessionellen Ausdeutung? Erst durch die Einführung von Differenzierungen und die Verwendung von Kategorien wird es möglich, Ordnung(en) zu schaffen und damit dem Denken und Handeln Orientierung zu geben. Denn Kategorien sind Ordnungseinheiten, die uns nicht nur ermöglichen, Erfahrungen zu deuten, sondern die uns überhaupt erst ermöglichen, Erfahrungen zu machen.
Max Weber notiert in seinem Aufsatz „Die ‚Objektivität’ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“, der Anfang des 20. Jahrhunderts verfasst wurde: „Es gibt keine schlechthin ‚objektive’ wissenschaftliche Analyse des Kulturlebens oder der ‚sozialen Erscheinungen’ unabhängig von speziellen und ‚einseitigen’ Gesichtspunkten, nach denen sie – ausdrücklich oder stillschweigend, bewußt oder unbewußt – als Forschungsobjekt ausgewählt, analysiert und darstellend gegliedert werden.“[1] Wer nach den professionellen Deutungs- und Wahrnehmungsmustern sozialer Probleme fragt, der bewegt sich zwischen Erkenntnistheorie und Ethik. Wie eigentlich kommt es zu der Wahrnehmung sozialer Probleme und ihrer sozialprofessionellen Ausdeutung? Erst durch die Einführung von Differenzierungen und die Verwendung von Kategorien wird es möglich, Ordnung(en) zu schaffen und damit dem Denken und Handeln Orientierung zu geben. Denn Kategorien sind Ordnungseinheiten, die uns nicht nur ermöglichen, Erfahrungen zu deuten, sondern die uns überhaupt erst ermöglichen, Erfahrungen zu machen.
Allerdings gilt es, eine solche epistemische Arbeit zu hinterfragen. Und eine solche kritische Reflexion der bestehenden bzw. verwendeten Kategorien ist das Geschäft der Ethik. Die professionellen Deutungs- und Wahrnehmungsmuster haben eine normative Kraft, sie leiten unsere Urteile und unsere Handlungen. Es gilt kritisch zu hinterfragen, über welche Deutungs- und Wahrnehmungsmuster wir verfügen, welche wir als selbstverständlich ansehen und welche bei der Ausdeutung unserer Erfahrungen nicht zur Anwendung kommen.
Die in dieser Ausgabe des EthikJournals gewählten Zugänge zu einer ethischen Kritik professioneller Deutungs- und Wahrnehmungsmuster sozialer Probleme könnten unterschiedlicher nicht sein. Sabine Schäper (Münster) hält fest, dass Fragen der Kategorisierung immer auch Machtfragen sind. Wer hat das Definitionsmonopol über die Bildung und die Verwendung von Kategorien? Mithilfe der Machtanalytik Michel Foucaults werden von Sabine Schäper Formen der Bemächtigung dechiffriert. Das Theorem der Gouvernementalität dient ihr dazu, Selbst-Verständlichkeiten im Kontext heilpädagogischer Praxis (und Theorie) zu hinterfragen.
Carolin Neubert (Jena) hingegen rekonstruiert in ihrem Beitrag Orte ritueller Praxen in einem Praxisfeld der Sozialen Arbeit: einem Jugendamt. Die dort vorzufindende ritualisierte Klatschkultur hat einen erheblichen Einfluss auf die Situationswahrnehmung der beteiligten Akteure der Sozialen Arbeit. Sie ermöglicht es, gemeinsame Deutungsmuster innerhalb des Teams der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter zu etablieren und hält das Team handlungsfähig. Doch eine solche Praxis bedarf eben auch der ethischen Reflexion.
Neben diesen zwei Beiträgen enthält diese insgesamt dritte Ausgabe des EthikJournals zudem noch einen Fallkommentar von Florian Kiuppis (Lillehammer/Atlanta), der eben jene Spannung zwischen der – einer bestimmten Logik von Deutungsmustern und Modellen folgenden und daher immer subjektiv verfassten – Beschreibung eines Einzelfalls und dessen (ethischer) Reflexion und Bewertung am Beispiel des Instruments der Fallbeschreibung und Kommentierung verdeutlicht. Insofern lässt sich dieser Beitrag ebenfalls als Fachartikel lesen, der die Methode der Fallkommentierung unter der Fragestellung des Ausgabenthemas kritisch in den Blick nimmt.
Wie aus ethischer Perspektive mit den Deutungs- und Wahrnehmungsmustern sozialprofessionell Handelnder umgehen? Letztlich geht es um die Entwicklung einer Haltung, die ein differenziertes Denken und Wahrnehmen kultiviert. Eine solche Haltung wird vor vorschnellen Urteilen zurückschrecken und immer wieder die Bedingungen der Möglichkeit der eigenen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster sozialer Phänomene reflektieren.
__
[1] Weber, M. (1904/1985): Die ‚Objektivität’ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. In: Weber, M. (Hrsg.): Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen: Mohr, S. 146–214, S. 169. ↑
Weitere Artikel dieser Ausgabe
-
2. Jg. (2014) Ausgabe 1
Zur ethischen Kritik professioneller Deutungs- und Wahrnehmungsmuster sozialer ProblemeFallkommentar: Von der Bedeutungsrelativität eines Einzelfalls im Kontext von "Behinderung" zur Bewertungsrelativität seiner Auslegung
Abstract Luna R. (7 Jahre) ist ein kontaktfreudiges fröhliches Mädchen, das seine Wünsche gegenüber anderen klar äußert und gerne mit anderen Kindern in Kontakt tritt. Aufgrund einer Cerebralparese lebt Luna mit einer ausgeprägten spastischen Bewegungsstörung, insbesondere der Beine. Aufgrund ihrer verwaschenen Sprache und ihres eingeschränkten Sprachverständnis ist die sprachliche Kontaktaufnahme und Kommunikation eingeschränkt möglich, sie verständigt sich weitestgehend durch Zweiwortsätze und Gestik. Zudem ist ihre kognitive Entwicklung verzögert. Luna besucht eine integrative Grundschule und ist seit ihrem ersten Lebensjahr in physiotherapeutischer und logopädischer Behandlung. Aufgrund ihrer Bewegungsstörung bewegt sich Luna fast ausschließlich mit einen Rollstuhl fort. In der Physiotherapie übt sie seit einiger Zeit das Laufen mit einem Rollator und Orthesen sowie den selbstständigen Toilettengang. Die Eltern arbeiten, auch nach mehreren Gesprächen mit der Physiotherapeutin, nicht an diesem Ziel mit. Sie legen dem Kind weiterhin Windeln an und nutzen ausschließlich den Rollstuhl, wenn das Mädchen aus der Schule kommt. Der Therapeutin gegenüber äußern sie, dass sie es wenigstens in ihrer familiären Umgebung „in Ruhe lassen“ wollen. Es sei aus ihrer Sicht eine „Übertherapie“.
-
2. Jg. (2014) Ausgabe 1
Zur ethischen Kritik professioneller Deutungs- und Wahrnehmungsmuster sozialer ProblemeZur Gouvernementalisierung professionellen Handelns im Spannungsfeld von Zuschreibungen und Eigensinn
Abstract Soziale und pädagogische Berufe stehen vor der Herausforderung, sich sowohl verstehend auf (potentielle) Nutzer_innen einzulassen, als auch die Hoheit über deren Geschichte – einschließlich der Entscheidung für oder gegen Unterstützungsangebote – ihnen selbst zu überlassen. Von Sozialprofessionellen selbst angemaßte – durch die Nutzer_innen nicht aktiv eingeforderte – Mandate stellen ebenso wie bestimmte fachliche Diskurse Formen der Bemächtigung dar, die sowohl der Legitimierung der Profession als auch dem Fortbestand sozialer Dienstleistungen und sozialpolitischen Problembearbei-tungsstrategien dienen. Solche und andere Formen der Bemächtigung lassen sich mithilfe der Machtanalytik Foucaults dechiffrieren. Dabei werden exemplarisch Menschen mit Behinderungserfahrungen als Adressat_innen sozialer Dienstleistungen in den Blick genommen.