EthikJournal

Hille Haker (Chicago)

Der Kampf um die Demokratie. Katholizismus und Christlicher Nationalismus

Die USA erleben derzeit eine Ära der Restauration, die von einem toxischen Zusammenspiel verschiedener Bewegungen geprägt ist. Die konservative Demokratiekritik wird radikalisert zu einem restaurativen Autoritarismus; die charismatisch-christliche Erweckungsbewegung bzw. Die traditionalistische-katholische Theologie wendet sich von den großen Kirchen ab; eine offensive, rechtlich und staatlich beförderte politische Bewegung treibt die Aufhebung der verfassungsmäßig vorgeschriebenen Trennung von Staat und Kriche voran. Die Vision von einer christlich-nationalistischen Gesellschaft mit einem autoritär geführten Staatsapparat bedarf einer kritischen Analyse. Der Beitrag zeigt anhand von Beobachtungen und Beispielen, wie der gesellschaftliche Umbau vonstattengeht und welche Faktoren dabei wichtig sind.

Tea Party MAGA Bewegung christlicher Nationalismus politischer Messianismus Gender Ideologie Religionsfreiheit politischer Liberalismus postliberaler Rechtskonversativismus

Einleitung

Die Beobachtungen, die ich in diesem Text vorstelle, sind von meinen Erfahrungen, Beobachtungen, und Arbeiten in den USA geprägt. Sie sind vorläufig und subjektiv. Sie profitieren von journalistischer Arbeit und den Analysen vor allem von Soziolog:innen, die seit Langem zum Thema der Verflechtung von christlichen Gruppen und konservativer bzw. nationalistischer Politik forschen. Mein eigener Beitrag erfolgt aus der Perspektive der Katholischen Sozialethik einerseits und der Vergegenwärtigung der deutschen Geschichte des Aufstiegs der faschistischen Bewegung andererseits, die sich wie eine Linse vor meine Erfahrungen in den USA schiebt. Geschichte wiederholt sich nicht – aber das heißt nicht, dass faschistische Strukturen nicht weitermutieren können, um in neuer, anderer Form wiederaufzutauchen. „Mit Kenntnis zu leben“ ist eine Bedingung moralischer Verantwortung und daher ein minimaler moralischer Imperativ, dem ich verpflichtet bin.[1]

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[1] Das Zitat stammt aus den „Jahrestagen“ von Uwe Johnson (2014: 189). Die Mutationen von Faschismus hat Alberto Toscano (2023) überzeugend analysiert.

Gesellschaftliche Transformationen

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die amerikanische Gesellschaft dramatisch verändert. Die Zusammensetzung der Bevölkerung wandelte sich von einer vornehmlich weißen und christlich geprägten Mehrheit hin zu einer multiethnischen und multireligiösen, und zunehmend auch zu einer säkularisierten Gesellschaft – auch wenn nach wie vor über 60 % der Bevölkerung sich der christlichen Religion zugehörig fühlen oder christliche geprägt sind, ordnen sich immerhin 30 % keiner Religion zu (vgl. PEW Research Center 2025).[2] Nun gibt es nicht nur die Polarisierung zwischen konservativen und liberalen Gruppen, sondern offensichtlich auch eine tiefgehende Entfremdung einer großen Gruppe von Menschen von ‚der‘ Politik, die oft mit der jeweiligen Regierung und dem Kongress in Washington gleichgesetzt wird.[3] Sich wie Fremde im eigenen Land zu fühlen, „to be strangers in one‘s own land“, wie Arlie Hochschild (2016) das in ihrem Buch mit Blick auf die Tea Party Bewegung ausgedrückt hat, kratzt nicht nur an der Zugehörigkeit, sondern auch am Mythos vom American Dream und dem American Exceptionalism, die beide allerdings sowieso nur die Mythen der Weißen waren, wie Ta-Nehisi Coates (2015) zeitgleich mit Hochschild für das Schwarze Amerika festhielt.

Der Vormarsch des Neoliberalismus, der den Freiheitsgedanken vom Gleichheitsgrundsatz abtrennt, führt seit ungefähr fünfzig Jahren dazu, dass die Schere zwischen Menschen in Armut und Reichtum zunehmend auseinandergeht. Seit den 1980er Jahren wurde zudem die Privatisierung der Sorge vorangetrieben – die so genannte Responsibilization wurde zum politischen Programm nicht nur der Republikanischen, sondern auch der Demokratischen Partei erhoben. Ronald Reagan bezeichnete Frauen in Armut als ‚Welfare Queens‘, und auch Bill Clinton machte sich in den 1990er Jahren die Einhegung des Sozialstaats zu eigen und setzte seine Karten auf den Freihandel und die globale Wirtschaft.[4] Während die Verantwortung für das Wohlergehen und die Sorge also unter dem Banner der Selbstermächtigung vom Sozialstaat auf das Individuum verlagert wurde, wurde gerade die untere Mittelschicht und die arme Bevölkerung – Weiße und die ethnischen Minderheiten – von der Globalisierung im Stich gelassen.

2.1 Die Tea Party[5]

Zu Höchstzeiten unterstützten nach Arlie Hochschild (2016) 20 % der Bevölkerung die Tea Party Bewegung, die sich kurz nach der Wahl von Barack Obama formiert hatte. Die von Hochschild interviewten Anhänger:innen in Louisiana bezeichneten sich meistens als konservative Christ:innen (evangelikal und katholisch), ‚pro life, pro gun, pro freedom‘, und ganz sicher gegen big government eingestellt. Sie fühlten sich in ihrer sozialen Identität übersehen. Sie fühlten sich wie Fremde in ihrem eigenen Land. Sie suchten eine Gemeinschaft, die es nicht mehr gab, Arbeit, in der sie etwas zählten und die ihnen ein Auskommen in einer überschaubaren Welt ermöglichte. Die Tea Party Bewegung wurde mit sehr viel Geld von einigen Milliardären wie den Koch Brothers oder auch der Mercer Familie gesponsert.[6] Sie hatten Interesse an einer Geschichte, in der die Schuld an der Entfremdung der Menschen nicht der Wirtschaft, sondern einer multikulturellen Bildungselite zugeschoben wurde. Diese konnte sich, so das Narrativ, leicht für Subventionierungen und Sozialtransfers einsetzen, von denen aber nicht die untere Mittelklasse profitierte, sondern vor allem diejenigen, die sich nicht selbst anstrengten, die lieber in der sozialen Hängematte lagen, als selbst Verantwortung zu übernehmen. Nur linke oder gebildete Gruppen kämpften gegen den Klimawandel, hörten sie von den Sponsoren, die die Obama Politik auf allen Ebenen erbittert bekämpften. Der Gas-Boom durch Fracking schaffe Arbeitsplätze, und mit den Umweltfolgen, so versicherten die Energiekonzerne, würde man schon fertigwerden (vgl. Klein 2014). Charles und David Koch zum Beispiel waren bzw. sind Milliardäre und die Besitzer von Koch Industries, einem der größten Unternehmen für Fossile Energien weltweit. Sie gelten als wichtige Sponsoren vieler rechtsgerichteter Gruppen, darunter auch der Tea Party Bewegung – und auch 2025 setzten sie mindestens 20 Millionen USD als Lobbyisten für Donald Trumps Politik der Steuersenkungen und Ende von Regulierungen ein (vgl. Zeballos-Roig 2020; Pilkington 2025).

2.2 MAGA

Zum Ende der Amtszeit von Obama gelang es Donald Trump, die Tea Party Bewegung hinter seiner Präsidentschaftskandidatur zu versammeln. Er tat dies, indem er die Geschichte zu einem großen Mythos vom weißen, christlichen Amerika ausbaute: in ihm waren die Weißen die Opfer des politischen Sumpfes, des Establishments in Washington, Schwarze kamen vor allem als gewalttätige Straftäter:innen und Verlierer:innen vor. Trump gelang es, trotz seiner vielen (und anhaltenden) Fehltritte, sich selbst als Retter des weißen Amerikas zu stilisieren und eine gnostisch anmutende Geschichte vom Kampf des Guten gegen das Böse zu erzählen. Dabei halfen nicht zuletzt die radikalkonservativen christlichen Gruppen, die für diesen Mythos sehr empfänglich waren (vgl. McConahay 2023). Sowieso pflegten viele von ihnen bereits seit Jahrzehnten einen guten Umgang mit Nationalisten (vgl. Whitehead 2020).

Selbst nach der verlorenen Wahl gegen Joe Biden 2020 und der danach von radikalen Anhänger:innen Trumps, Trump selbst sowie einigen Kongressabgeordneten inszenierten Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021 distanzierte sich die Republikanische Partei nicht. Statt sich dem Amtsenthebungsverfahren anzuschließen, unterwarf sich die Partei ganz Donald Trump, der in den Jahren der Opposition mit ihr ein Katz und Maus Spiel veranstaltete.

2.3 Vom Rechtspopulismus zum Christlichen Nationalismus

Die ‚Make America Great Again‘ oder MAGA Bewegung versprach den Amerikaner:innen die Rückkehr zu einem großartigen Amerika, das es nur in der Phantasie gibt. Aber seit der Wiederwahl Trumps im November 2024 ist die Rettung der Arbeiterschaft, mit der er einst angetreten war, einer offen rassistischen, sexistischen und antiliberalen Hetze gewichen. Die Verfolgung von Immigrant:innen und Sozialhilfeempfänger:innen ist – neben der Steuererleichterung für Wohlhabende und Unternehmen – das zentrale innenpolitische Programm – auch wenn eine klare Mehrheit die Methoden der Grenzpolizei ablehnt und Trumps Sympathiewerte schon jetzt im Keller sind (vgl. Schlosser 2025). Das unter anderem von der christlich ausgerichteten Heritage Foundation ausgearbeitete Project 2025 liefert die Blaupause für die Transformation der amerikanischen Demokratie in eine explizit christliche Nation, regiert von einem Autokraten, der zwar auch von den Amerikanischen Bürger:innen gewählt wurde, mehr noch aber von Gottes Gnaden eingesetzt ist, um Amerikas Vorherrschaft über alle anderen zu verteidigen bzw. wiederherzustellen – das heißt: über alle anderen Menschen und Länder. America First heißt sehr eindeutig Vorherrschaft der Weißen – und zwar der Weißen Christ:innen. Niemand kann heute noch leugnen, dass Donald Trump eine faschistische Politik mit christlicher Rhetorik betreibt.

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[2] Die Zahlen des PEW Research Centers zeigen, dass zumindest in den letzten zwei Jahren der Abwärtstrend gestoppt wurde.

[3] In Deutschland entspricht die Kritik an Washington dem Klischee gegenüber der Europäischen Union, die ihre Entscheidungen in Brüssel trifft, worauf die Bürger:innen vermeintlich keinen Einfluss haben.

[4] Bill Clinton unterzeichnete das Gesetz dafür unter dem Namen „The Personal Responsibility and Work Opportunity Reconciliation Act“ (vgl. ASPE 1996). Diese Politik wurde in Deutschland unter dem Motto „Fördern und Fordern“ von der Schröder Regierung weitgehend übernommen und unter der Hartz IV umgesetzt. Zur Analyse der Konsequenzen in den USA und die ethische Bewertung vgl. etwa Young (2011).

[5] Vgl. zum folgenden Absatz ausführlicher Haker (2021).

[6] Zum Hintergrund von drei ultrareichen Familien, die die rechten Bewegungen seit der Wahl Obamas 2008 finanziell aufgebaut haben (vgl. Timmons/Timmons 2022).

Der Umbau der Gesellschaft[7]

3.1 Das Ende von ‚Diversity, Equity und Inclusion‘

Zwei Wochen nach Amtsantritt Trumps 2025 verkündete das Bildungsministerium ein Ende aller Programme zur Förderung von Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion, die in den USA unter dem Begriff Diversity, Equity and Inclusion (DEI) firmieren, weil diese Programme selbst Diskriminierung nach sich zögen. Sie seien selbst rassistisch im Sinne der Bevorzugung von Nichtweißen, und daher illegal.[8] Dies war ein Frontalangriff gegen die liberale Gesellschaft, die Freiheit mit Gleichheit und Gerechtigkeit verbindet, und er sollte auch genauso verstanden werden. Danach drohte die Trump-Regierung zwei der renommiertesten Universitäten die Streichung von Mitteln an. Die Columbia University, die sich auf die Gängelung durch die Trump Regierung einließ, schloss im Juli 2025 einen Vergleich über 220 Millionen USD ab, andere Universitäten folgen. Die Columbia University erklärte sich einverstanden, gegen jede Israelkritik vorzugehen, weil diese nun als Antisemitismus eingestuft wird. Die Harvard University befindet sich noch in einem Rechtsstreit mit der Regierung, der im Herbst 2025 vorläufig zugunsten der Universität entschieden wurde. Inzwischen ist aber ein Gutteil der vom Bund geförderten Forschung zum Stillstand gekommen, mit unabsehbaren Folgen für die Wissenschaft, die Wirtschaft und insgesamt den Forschungsstandort USA.[9] Der Kampf gegen die Wissenschaft ist nicht nur ein finanzielles Abrissunternehmen – in Wahrheit ist er ein Kulturkampf, der den Umbau der Gesellschaft begleitet und daher im politischen Kontext zu sehen ist: Bücher werden aus Schulen verbannt, Exponate aus Museen entfernt, Militäreinrichtungen umbenannt, christliche Symbole, Gebete und Bildungsinhalte neu eingeführt, und insgesamt findet ein Geschichtsrevisionismus statt, der sich durch alle staatlichen Einrichtungen zieht. Die Erinnerung an die 1933 und 1934 erfolgte ‚Säuberung‘ des NS-Regimes ist nur schwer vom radikalen Umbau des öffentlichen Dienstes und der ‚Entfernung‘ von unliebsamen Angestellten und Programmen fernzuhalten. Gewiss: noch gibt es sie: die freie Presse, die Meinungsfreiheit, die Forschungsfreiheit (allerdings mit beträchtlich weniger staatlicher Förderung ausgestattet) – aber dass diese Rechte auf allen Ebenen eingeschränkt werden, ist unübersehbar.

3.2 Nachbar:innen und Fremde

Das Interview von JD Vance Ende Januar 2025 ging auch international durch die Presse. Dort sagte der Vizepräsident in Anspielung an die Kritik zu den begonnenen Abschiebungen, dass er die in der christlichen Tradition so genannte Ordnung der Liebe (‚ordo amoris‘) sehr ernst nehme. Diese beinhalte die Priorisierung der Liebe des Eigenen vor der Liebe von Fremden, der Nahestehenden vor den Fernstehenden, der Nächstenliebe vor der Fremdenliebe. Theologe:innen, und sogar Papst Franziskus, stürzten sich auf diese Fehlinterpretation, aber genauso wichtig war, was Vance im nächsten Satz sagte: die extremen Linken, so schnauzte er, hätten diese Ordnung in ihr Gegenteil verkehrt. Das sollte wohl heißen: die Linken lieben Fremde mehr als die eigenen Nachbar:innen.[10] Diese Aussage diente der Einbettung des Katholizismus bzw. der christlichen Ethik in die Regierungspolitik und sollte jedes Aufbegehren in der MAGA Bewegung im Keim ersticken. Denn wenn die Brutalität und Menschenverachtung notwendig ist, um die Ordnung der Liebe wiederherzustellen, dann ist Gewalt vielleicht unausweichlich. Sie gibt der staatlichen Gewalt den Touch einer Kurskorrektur – zurück zur Normalität – nach den Verirrungen, die der radikalen Linken, angeführt von Barack Obama und Joe Biden, zugeschrieben werden. Vance bemerkte später, im Mai, zur Kritik an seiner Aussage, dass es schließlich seine Aufgabe sei, das Gemeinwohl zu sichern und die Solidarität der Bevölkerung nicht zu sehr zu strapazieren.[11] Dies ist mehr als ein Augenzwinkern in die Richtung konservativer Christ:innen: JD Vance schließt damit nämlich die Reihen zum postliberalen, rechtskonservativen Katholizismus, der die Rückkehr zu einem kommunitaristischen Gemeinwohlgedanken propagiert – allerdings ist dies für Vance nicht mehr als eine rhetorische Figur: immerhin gab er als Vizepräsident die entscheidende Stimme für ein Gesetz ab, das Millionen von Bürger:innen und Einwohner:innen Amerikas die soziale Absicherung entzieht und den Superreichen und Wohlhabenden Steuergeschenke beschert. So geschehen Anfang Juli in der Abstimmung im Senat, wo Vance die entscheidende Stimme für Trumps grausames Gesetz abgab – das wirklich Big Beautiful Bill heißt.[12]

3.3 Feinde der Gesellschaft

Die Rhetorik des Krieges gegen die Linken ist die permanente Begleitmusik der MAGA Bewegung. Steve Bannons Podcast heißt treffend War Room, Alex Jones‘ Radio Show nennt sich Infowars. Beide Männer sind rechtskräftig verurteilte Straftäter. Ihr Krieg ist – wie immer – ein Krieg, der Freund und Feind erst generiert. Die radikale Linke, die Säkularen, die insbesondere die Universitäten und Schulen unterwandert haben; Journalist:innen und ganze Sender, sogar Kinderprogramme wie die Sesamstraße, queere Menschen, die dem Geschlechter- und Sexualitätsideal von MAGA nicht entsprechen; Christ:innen mit sozial-liberaler Werthaltung; Juden und Jüdinnen, die gegen die Politik des Staates Israel sind; Muslim:innen, die sich mit dem Schicksal der Palästinenser:innen verbünden; und immer wieder die Immigrant:innen, die sich unrechtmäßig Zugang zu den amerikanischen Fleischtöpfen verschafft haben sollen – wer immer sich gegen MAGA stemmt, ist der/die Feind:in, gegen den/die zu kämpfen für die wahren Amerikaner:innen Ehre und Pflicht ist, mit dem erwünschten Nebeneffekt für die Regierung, von den eigenen Schwächen und Fehlern des Regierens ablenken zu können. Die Verfolgung der Gegner:innen erfolgt zunehmend mit brutalsten Methoden, die keiner rechtlichen Überprüfung Stand halten. Auf die Entscheide der Gerichte reagiert die Trump-Regierung bisher mit einer Gleichgültigkeit, die erst recht zur Erosion des Rechtsstaates führen wird – und immer wieder bekommt sie dafür Rückendeckung vom Supreme Court, der Dekrete bis zur endgültigen Entscheidung in Kraft lässt.

3.4 Messianismus und Apokalypse

Die MAGA Bewegung ist die Wiederkehr einer messianischen, apokalyptischen Hoffnung, die sie auf ihren Präsidenten projiziert. Der religiöse Unterton wurde spätestens 2024 genuiner Bestandteil von Trumps Wahlkampf, noch gesteigert nach dem Attentat, das Donald Trump überlebte und das er heute als ein besonderes Erweckungserlebnis darstellt.[13] Die krude Gemengelage von Apokalyptik, Messianismus und Solidarität mit Israel bei weiterhin bestehendem Antisemitismus in der MAGA Bewegung ist eingebunden in den christlichen Nationalismus, der Amerika zurück zu seinen Wurzeln führen soll. Wenn in der feministischen Forschung seit Jahrzehnten die Überlappung oder ‚Intersektionalität‘ von sex, class und race als Analysekategorie für gesellschaftliche und staatliche Diskriminierung betont wird, so gilt dies in besonderer Weise für Trumps Propagandamaschine: Sie schließt explizit Rassismus und Sexismus ein, die unter der nun stolz so genannten White Supremacy, der naturgegebenen Vorherrschaft der Weißen – sprich: Weißen Männer – und der Rückkehr zur traditionellen Geschlechterordnung firmiert. Wie sagte Trump unter Gelächter zu seinen Anhänger:innen auf einer Wahlkampveranstaltung im Oktober? „I will protect women whether they like it or not“ Und natürlich ist auch der Klassenkampf zurück, indem das Ressentiment der Reichen gegenüber den Armen oder auch der unteren Mittelschicht der Gesellschaft geschürt wird, zu denen MAGA Anhänger:innen ja größtenteils gehören. Unübersehbar ist die Kontinuität der amerikanischen Geschichte der Überlegenheit Weißer Männer: Trumps Objektivierung von Frauen korrespondiert mit seiner Verachtung gegenüber denen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind genauso wie mit seinem Fremdenhass – Frauen verlieren ihre Rechte und werden in die Rolle der sexuellen Befriedigerin männlicher Lust oder als Gebärerinnen weißer Kinder gedrängt. Denen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben, wird in den nächsten Jahren erst recht die Alters- und Krankenversorgung fehlen. Und die Massendeportationen von undokumentierten amerikanischen Einwohner:innen zerstört nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern höhlt auch das Selbstverständnis Amerikas als Bastion der Freiheit und dem Staat als Garant von Recht und Gleichheit vor dem Gesetz aus. Die internationalen wirtschaftlichen Folgen sind dabei noch nicht einmal berücksichtigt. Der Schaden, den die zweite Trump-Präsidentschaft anrichtet, wird nach innen wie nach außen zum Teil irreversibel sein, zum Teil zumindest langfristig unumkehrbar.

3.5 Abschiebungen und Deportationen

Neben den Direktabschiebungen an den Grenzen sollen jedes Jahr mindestens eine Millionen Menschen des Landes verwiesen – sprich: deportiert werden. ICE heißt Immigration and Customs Enforcement – sie wird gerade, mit Hilfe von Stephen Miller und Tom Homan zu einer paramilitärischen Staatspolizei ausgebaut. Die Grenzpolizist:innen verhaften Personen nun regulär vor den Gebäuden der Ausländerbehörden, lauern vor Kirchen, oder sie gehen in Schulen, öffentliche Einrichtungen, Baumärkte oder natürlich auf die riesigen Farmen, wo viele der undocumented Menschen als Erntehelfer:innen arbeiten. Auf den Straßen sind die Grenzpolizist:innen hinter ihren Gesichtsmasken nicht identifizierbar, ihre Autos mit verdunkelten Scheiben haben keine Nummernschilder. Wer verhaftet wird, kann leicht aus dem Blickfeld verschwinden. Denn das Recht auf Anhörungen wird nicht nur politisch, sondern auch praktisch für obsolet erklärt. Darüber hinaus gibt es fast keine Transparenz mehr in den sogenannten Facilities, die inzwischen eher Konzentrationslagern gleichen, weil weder Anwält:innen noch die demokratischen Abgeordneten Zugang zu den dort Festgehaltenen erhalten.[14] Die Katholischen Bischöfe kritisieren das, aber viel, viel zu leise. Ich komme darauf noch zurück.

3.6 Gender Ideologie

Die Umerziehung der Gesellschaft betrifft nicht allein die Institutionen, Zentren oder Programme. Die gezielte Verfolgung homosexueller, transsexueller und intersexueller Menschen hat nach einem Bericht von Human Rights Watch erschreckende Ausmaße angenommen.[15] Aber es kommt ja nicht von ungefähr: jahrzehntelang wetterten die christlichen Kirchen gegen die so genannte Gender Ideologie. Die katholische Kirche nahm dabei, besonders perfide, eine künstliche Unterscheidung von queeren Menschen und ihrem Verhalten vor – die Menschen sollten respektiert, ihr Verhalten aber verurteilt werden (vgl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen 2019). Dabei ist die immer wieder behauptete Widernatürlichkeit der abweichenden Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen inzwischen eine willkommene Legitimation für die strukturelle Gewalt gegenüber dieser vulnerablen Gruppe. Politische wie rechtliche Mittel werden ausgeschöpft, um sie noch mehr als bisher zu marginalisieren und mit dem Argument des Schutzes von Kindern oder Frauen zu diskriminieren: in den Schulen von inzwischen 13 Bundesländern ist die Thematisierung von Homosexualität und Transsexualität genauso verboten wie Bücher zu dem Thema. Jugendlichen und Erwachsenen fehlt es an medizinischer Betreuung, und sie sind überproportional von Wohnungslosigkeit betroffen. Es gibt, Stand heute, laut der American Civil Liberties Union (ACLU), einer Rechtsorganisation, zusammengenommen fast 600 Gesetzesvorlagen bzw. Gesetzesänderungen auf Landes- und Bundesebene gegen LGBTQIA+ Menschen.[16] Von Lebensschutz kann dabei keine Rede sein, denn gerade wurden den landesweit fast 1.000 LGBTQIA+ Hotlines zur Prävention von Suiziden die Mittel gestrichen. Hinter den Zahlen und Daten verbergen sich Millionen von Einzelschicksalen.

3.7 Das ‚White House Faith Institute‘ und die Kommission zur Religionsfreiheit

Im Februar wurde das White House Faith Institute etabliert und aus dem Kongress ins Weiße Haus verlegt. Im Mai 2025 wurde eine Kommission zur Religionsfreiheit eingesetzt, in die ausschließlich Vertreter:innen berufen wurden, die Loyalität gegenüber der Regierung gezeigt hatten – unter ihnen auch der gerade mit dem Josef Pieper Preis ausgezeichnete Bischof Robert Barron – allesamt Christ:innen, ein einziger Rabbi ausgenommen. Ihnen wird die Aufgabe zukommen, die Religionsfreiheit mit den Vorgaben der Regierung in Einklang zu bringen – und nicht, die Religion in ihrer Freiheit zu schützen sowie einzelnen die Freiheit gegenüber der Religion.[17] Eine bestimmte Auffassung von christlichem Glauben und Theologie wird dabei für eine bestimmte Politik benutzt, indem die Trump-Regierung die politischen Prioritäten setzt, die mit dem Bild dieser fundamentalistischen Religionsauffassung assoziiert wird. Auf diese Weise greifen Religion und Politik politisch, rechtlich und kirchlich ineinander. Aber natürlich geschieht dies nicht ohne Widerspruch und auch ohne die Zustimmung der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung – die aber im Wahlrecht nicht abgebildet wird. Im nächsten Teil will ich mich daher mit den zwei Visionen Amerikas beschäftigen, die da aufeinanderprallen.

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[7] Der folgende Teil baut auf meinem Beitrag für die AG Sozialethik Tagung 2025 auf und aktualisiert eine frühere Fassung, die im Herbst in der Zeitschrift Scheidewege, hg. v. Jean-Pierre Wils, erscheint.

[8] Online unter: https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.ed.gov/media/document/dear-colleague-letter-sffa-v-harvard-109506.pdf (abgerufen 31.07.2025). „Educational institutions have toxically indoctrinated students with the false premise that the United States is built upon ‚systemic and structural racism‘ and advanced discriminatory policies and practices. Proponents of these discriminatory practices have attempted to further justify them—particularly during the last four years—under the banner of ‚ diversity, equity, and inclusion‘ (DEI), smuggling racial stereotypes and explicit race-consciousness into everyday training, programming, and discipline. But under any banner, discrimination on the basis of race, color, or national origin is, has been, and will continue to be illegal“.

[9] Laut Daten des Centers for American Progress sind, Stand Sommer 2025, 4.000 Forschungsprojekte an über 600 Universitäten gestrichen worden, eingefrorene und neue Projekte noch nicht eingerechnet. Dies entspricht einem Wert von 7 bis 8 Milliarden USD (vgl. Bedekovics/Ragland 2025).

[10] Online unter: https://youtu.be/Hetq2BGNLbs (abgerufen 31.07.2025). „You love your family and then you love your neighbor, and then you love your community, and then you love your fellow citizens in your own country, and then after that, you can focus [on] and prioritize the rest of the world. A lot of the far left has completely inverted that“.

[11] Podcast mit Ross Douthat von der New York Times am 21.05.2025. Online unter: https://www.nytimes.com/2025/05/21/opinion/jd-vance-pope-trump-immigration.html (abgerufen 31.07.2025).

[12] Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=PqOyjVKakF8 (abgerufen 31.07.2025).

[13] Zum messianischen Stilisierung vgl. etwa den Wahlkampfslogan von Trump. Online unter: https://youtu.be/lIYQfyA_1Hc (abgerufen 31.07.2025).

[14] Online unter: https://www.hrw.org/report/2025/07/21/you-feel-like-your-life-is-over/abusive-practices-at-three-florida-immigration (abgerufen 31.07.2025).

[15] So der Bericht von Human Rights Watch vom April 2025. Online unter: https://www.hrw.org/news/2025/05/28/human-rights-violations-against-lgbtq-communities-united-states (abgerufen 31.07.2025).

[16] Online unter: https://www.aclu.org/legislative-attacks-on-lgbtq-rights-2025 (abgerufen 31.07.2025).

[17] Religionsfreiheit genießt wie die Redefreiheit allerhöchsten Verfassungsrang. Vgl. dazu Haker 2020.

Zwei Visionen für die Demokratie in Amerika

4.1 Politischer Liberalismus und Postliberaler Rechtskonservativismus

Die zwei Visionen Amerikas, die sich heute gegenüberstehen, haben eine lange Geschichte und gehen auf einen Konflikt zweier politischer Theorien zurück. Dieser schwelt seit der Aufklärung und der amerikanischen Staatsgründung sowie der französischen Revolution: der amerikanische Liberalismus, der Demokratie und Gleichheit nur langsam entfaltete aber als Ziel immer vor Augen hatte, und ein christlicher Staat, der durch christliche Werte und die Ausrichtung auf eine homogene Rechtsgemeinschaft den Zusammenhalt der Menschen fördert.

Auf der einen Seite betont entsprechend die politische Theorie der Moderne die individuellen Rechte und stellt erstens Ansprüche, die jemand an andere stellt, unter Rechtfertigungszwang mit rationalen Argumenten. Zweitens wird der normative Rahmen durch eine Verfassung vorgegeben, die Stabilität garantieren soll und daher nur sehr behutsam verändert werden kann. Sie wird von einem unabhängigen Verfassungsgericht ausgelegt, wenn es in der Politik der Exekutive, der Regierung, oder der Legislative, also dem Kongress oder den entsprechenden Landesinstitutionen, zu strittigen Auslegungen kommt. Drittens basiert die moderne politische Theorie auf der Unabhängigkeit der Justiz, die Regelverstöße mit Strafen ahndet.

In einem liberalen und demokratischen Staat gibt es einen privaten Handlungsspielraum mit möglichst wenigen Eingriffen von Seiten des Staates, und die Öffentlichkeit, die einen Aushandlungsraum für Kritik, alternative Perspektiven und Visionen darstellt. Das Private ist daher vom Öffentlichen unterschieden, und die Öffentlichkeit noch einmal zu unterscheiden in die öffentlichen Diskurse der Zivilgesellschaft einerseits und andererseits das politische Handeln, durch parlamentarische Entscheidungen sowie die offiziellen Regierungsgeschäfte. Demokratische Wahlen garantieren, dass sich die Diskurspositionen in der Politik widerspiegeln, ohne einen Staat regierungsunfähig zu machen.

In den USA war seit den 1970er Jahren in der liberalen politischen Theorie die Gerechtigkeitstheorie von John Rawls nahezu unangefochten, die genauso auf der modernen Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit wie auf einem Freiheitsbegriff basierte, der dem amerikanischen Verständnis von Freiheit als Liberty im Sinne der Selbstbestimmung geschuldet ist, diesen aber mit einem Gleichheitsanspruch verbindet. Rawls vertrat eine Gerechtigkeitstheorie, die Minderheiten nicht nur schützt, sondern Ungleichbehandlungen dann zulässt, wenn diese Benachteiligungen ausgleichen soll. Das ist auch der Kern der DEI Programme.

Gegen diese Gerechtigkeitstheorie wurde Kritik von verschiedenen Seiten geübt, wobei es mir nur um zwei Kritiken gehen soll: zum einen waren libertäre Philosoph:innen (Nozick) und Ökonom:innen (die Chicago School) misstrauisch gegenüber jeder staatlich gesteuerten Sozialpolitik im Namen der Gerechtigkeit, weil sie Gerechtigkeit im Sinne der negativen Freiheit, also der Abwehrrechte verstanden. Auf der anderen Seite meldeten sich aber genau diejenigen zu Wort, die die Verengung des Freiheitverständnisses auf die negative Freiheit als zu eng ablehnten. Philosophisch wurde dieser Konflikt innerhalb der Modernetheorie in den 1990er Jahren von Philosophen wie Charles Taylor, Alasdair MacIntyre oder auch Michael Sandel ausgetragen, die dann als Vertreter des Kommunitarismus bezeichnet wurden: Charles Taylors Buch über die Entwicklung der modernen Identität ist dabei genauso wirkmächtig wie MacIntyres Kritik am Relativismus und Sandels Kritik an einer Gerechtigkeitstheorie ohne Sinn für die gemeinschaftlichen Bindungen.[18] Interessant aus deutscher Sicht ist vielleicht, dass auch die zweite und dritte Generation der Frankfurter Schule – Habermas als Interpret von Rawls und Honneth als Interpret des Kommunitarismus – sich zu Wort meldeten und Stellung bezogen.[19] Aber wo die Kritische Theorie trotz aller Betonung der sozialen Identität und der sozialen Freiheit im Sinne Hegels eisern am Individuum als Urteilsinstanz in Sachen der Moral – im Sinne Kants Autonomieprinzip – festhält, setzte der Kommunitarismus im weiteren Verlauf zunehmend auf ein altes Prinzip, das aus der katholischen bzw. christlichen Tradition stammt: dem Gemeinwohlgedanken. Diese Common Good Bewegung ist vor dem Hintergrund des individualistischen Autonomieverständnisses verständlich, aber die Betonung des Gemeinwohls rückt leicht die seit der Moderne verbrieften, Inalienable Rights, die individuellen Freiheitsrechte in den Hintergrund.[20] Bald wurde gerade diese philosophische Kritik am Liberalismus und an der Entfremdung der modernen Gesellschaft zu einem Sprungbrett für eine viel weiter gehende Kritik, die nun aber eine christlich-restaurative Wende nahm. Und mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus wurde der politische Liberalismus zu einem Feindbild, das in der MAGA Bewegung zur politischen Entfaltung kam. Hinter diesem Feindbild verbirgt sich eine heute oft als postliberal bezeichnete politische Theorie und Vision für Amerika, die nicht nur dem politischen Liberalismus diametral entgegengesetzt ist, sondern auch die kommunitaristische Kritik verzerrt und in restaurative, repressive und rechtsextreme Bahnen lenkt.

Die Vertreter:innen dieser Richtung sind nicht nur misstrauisch gegenüber der Moderne, sondern auch gegenüber der Demokratie. Zuweilen wird so getan, als hätte es diese politisch-restaurative Richtung in den USA nicht von Beginn an gegeben, so als habe sich Amerika im 19. und 20. Jahrhundert organisch als liberale Demokratie weiterentwickelt. Das übersieht dann aber, dass der Gleichheitsgrundsatz zunächst weder für die versklavten Menschen noch für Frauen galt, dass Gleichheit in einem brutalen Bürgerkrieg erst errungen werden musste und es dann immer noch ein halbes Jahrhundert brauchte, um Frauen das Wahlrecht zu garantieren, und ein ganzes Jahrhundert, um auch Schwarze Bürger:innen zu Wahlen, Schulen, Universitäten oder Ämtern zuzulassen. Und ja, es stimmt: schließlich wurde 2008 mit Barack Obama eine Person of Color zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt, aber für eine Frau hat es, trotz zweier Kandidatinnen, die gegen Donald Trump antraten, bisher nicht gereicht. Die antiliberale Vision Amerikas beargwöhnt den Liberalismus, weil er – bei aller Unterschiedlichkeit der Ansätze – das Subjekt in den Mittelpunkt stellt, den Glauben zur Privatsache erklärt und Gesellschaft als Vertrag zwischen autonomen Menschen versteht.

In diesem Kontext wird zuweilen auf Patrick Deneens (2018) Kritik am Liberalismus hingewiesen. Das Buch des Politikwissenschaftlers der Notre Dame University: „Why Liberalism Failed“ gehört zu den Standardwerken des rechtskonservativen Kommunitarismus.[21] Deneen evozierte unter Rekurs auf das Gemeinwohlprinzip der Katholischen Soziallehre zunächst die Rückkehr zu traditionellen Lebensformen – das konnte als eine Weiterführung der kommunitaristischen Kritik am Liberalismus gelesen werden. In seinem Buch aus dem Jahr 2023, „Regime Change“ zieht er nun aber die Handschuhe aus und entfaltet seine Vision vom postdemokratischen Amerika: einzig eine neue konservative Elite, die – anders als Trump – die wahren Interessen des Volkes vertritt, könnte einen Ausweg aus der Sackgasse des politischen Liberalismus darstellen. Dies ist das Gegenteil des republikanischen Ideals, wie es beispielsweise Charles Taylor (2024) vertritt. Und auch Michael Sandel (2020) setzt anders als Deneen nicht auf naturrechtlich verankerte Gemeinwohlinteressen, die von einer Minderheit definiert und dann vorgeschrieben werden, sondern auf eine umfassende Gerechtigkeitstheorie. Deneen oder auch der Harvard Professor Adrian Vermeule mögen akademisch agieren und dabei im besten performativen Selbstwiderspruch die wissenschaftlich-akademische Elite an den amerikanischen Universitäten brandmarken. Währenddessen entfalteten Steve Bannon und Leonard Leo aber das Abrissprogramm der liberalen Demokratie in radikalisierter Weise. Bannon nutzt dabei eine destruktiv gegen den demokratischen Rechtsstaat gerichtete Propagandamaschine, Leonard Leo das Rechtssystem für Richterernennungen – mit vielen, proportional viel zu vielen, katholischen Richter:innen. Die akademischen und ja, auch theologischen Schreibtischtäter:innen mögen ‚nur‘ einem neuen Konservativismus das Wort reden – die politischen Akteur:innen widmen sich dem Kampf für einen christlichen Nationalismus und christlich fundierten Staat, der nur mit autoritären Mitteln, das heißt mit staatlicher Gewalt, politisch umgesetzt werden kann.[22]

4.2 Die Rolle der Christ:innen

Wie ist diese Neuauflage des christlichen Nationalismus in den USA zu verstehen? Ein Blick in die Geschichte hilft: Protestant:innen hatten seit dem 17. Jahrhundert Amerika nicht nur wegen der garantierten Freiheit zur Religionsausübung und Kirchengründung schätzen gelernt, eine Befreiung, die sie mit der Exodus Erzählung verbanden, sondern sie priesen darüber hinaus Amerika als neues von Gott erwähltes Gelobtes Land, als ‚City on the Hill‘, von dem eine Strahlkraft für die ganze Welt ausgehen sollte (Bellah 1967). Ihre Vertreter:innen verstanden daher auch bei der Staatsgründung den Freiheitsgedanken nicht im Sinne der aufklärerischen Liberalität, die Toleranz und Gleichberechtigung nach sich ziehen, sondern als Befreiung vom Zwang des Staates in Sachen ihrer Religion – eine Garantie, die in der ersten Verfassungserweiterung festgehalten ist. Mitte des 19. Jahrhunderts wird nun aber – ein Beispiel mit großer Wirkmacht bis heute – die Evolutionstheorie Darwins zu einem Politikum. Sie trifft auf den zuweilen erbitterten christlichen Widerstand konservativer Protestant:innen, weil ihre Anerkennung die nichtwörtliche Interpretation der Schöpfungsgeschichte nach sich ziehen würde. Und die deutsche protestantische Theologie, die sich aus Sicht der Evangelikalen Fundamentalisten der Moderne geradezu in die Arme warf, wird ebenso abgelehnt. Mochten auch die traditionell protestantischen Divinity Schools – etwa Harvard Divinity School (wo ich eine Weile lehren durfte), Yale Divinity School oder die University of Chicago Divinity School – die Liberale Protestantische Theologie mitsamt ihrer historisch-kritischen Methode der Bibelinterpretation vertreten, für die meisten Theologischen Seminare, an denen Pastoren ausgebildet wurden, kam dies nicht in Frage. Protestant:innen gründeten neue theologische Ausbildungsstätten, Seminaries, in verschiedenen Bundesstaaten. Zwölf Bände mit dem Titel „The Fundamentals“, Anfang des 20. Jahrhunderts publiziert, sind so etwas wie Gründungsdokumente, die im 20. Jahrhundert in den verschiedenen protestantischen Denominationen gelehrt wurden.[23] Ihnen ist die Ablehnung der modernen Theologie genauso gemeinsam wie die Ablehnung einer Moderne, die einer Gesellschaft ohne Gott das Wort redet. Zunehmend wurde nun auf die religiöse Erfahrung und Spiritualität gesetzt, die dann in den charismatischen Kirchen, den Pentacostals und in den Mega Churches um Bill Graham sowie der New Apostolic Reformation ihren Widerhall fanden; letztere bekannt durch Paula White, die seit vielen Jahren Spiritual Director von Donald Trump ist und jetzt dem White House Faith Institute vorsitzt. Natürlich gibt es die andere, die liberale und progressive Seite auch weiterhin, genauso wie die Black Churches, die ihre eigene Version einer politisch-prophetischen Spiritualität, Befreiungstheologie und Gerechtigkeitsethik entwickelten.

Im 19. und dann verstärkt auch im 20. Jahrhundert kommen viele Immigrant:innen aus sehr katholischen Ländern nach Amerika: aus Irland, Polen, Italien und den zentral- und lateinamerikanischen Länder, in denen Katholik:innenen die Mehrheit haben. In den USA gehören diese Einwanderer:innen genauso wenig zu der Gruppe der White Supremacists wie die People of Color oder die Juden und Jüdinnen, die nicht der Armut, wohl aber der Judenverfolgung in Europa entfliehen. Katholik:innen sind eine Minderheit, die lange diskriminiert werden. Erst mit der Präsidentschaft John F. Kennedys änderte sich das – aber seine Präsidentschaft ist auch die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Unter Katholik:innen entsteht vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg ein eigener Fundamentalismus, der sich von den liberalen Katholik:innen abzugrenzen beginnt: es entstehen kleine Gruppierungen und Sekten, die den reinen Glauben vertreten und leben; die Liturgie wird streng traditionell erhalten, in lateinischer Sprache und mit Zentrierung auf den Priester. Die Glaubenslehre ist strikt, unwandelbar und kompromisslos, Spiritualität hat Priorität vor der karitativen, ethischen oder politischen Theologie.

Aber das Zweite Vatikanische Konzil folgt dieser Glaubensauslegung nicht, sondern öffnet sich der Moderne, betont die Menschenwürde und die Menschenrechte als authentischen Ausdruck des Naturrechts, und hebt sogar die strenge liturgische Form auf. So vermischt sich die Ablehnung der Konzilstexte – vor allem der Liturgiereform und Hinwendung zur Moderne – mit der Ablehnung des Liberalismus, wie er in den USA erfahren und vertreten wird. Wahrheit – so sagt ja auch nach dem Konzil die konservative Seite der Amtskirche, vor allem das Lehramt in Rom – sei nicht verhandelbar, schon gar nicht neu zu erfinden, sondern zu entdecken – in der natürlichen Ordnung und der Interpretation der göttlichen Vorsehung in der Offenbarung. Immer wieder wird dies an allererster Stelle auf die Sexualmoral gemünzt, in der die natürliche Ordnung mit der übernatürlichen Wahrheit übereinstimmen muss. Da heißt es dann: „No compromise could be made with a worldview whose proponents denied the fixed character of supernaturally guaranteed truth“, keine Kompromisse bei der übernatürlichen Wahrheit, fasst Mark Massa (2025) dies in seinem Buch über den Katholischen Fundamentalismus treffend zusammen. Massa erwähnt einen weiteren Punkt, der später in der MAGA Bewegung wirkmächtig werden wird: die Aufteilung der Welt in Gut und Böse, in gute und böse Katholik:innen, Christ:innen, Menschen. Von hier ist es kein weiter Schritt zu einer militanten, maskulinen, kriegerischen Identität des Kämpfers für das wahre Christentum. Der Fundamentalismus ist mit der Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Andersgläubigen, wie es die Verfassung Amerikas vorsieht, inkompatibel.

Seit den 1980er Jahren – dem Beginn des Pontifikats von Johannes Paul II und der Bekämpfung der politischen Theologie der Befreiungstheologie vor allem durch Joseph Ratzinger – suchte die Amerikanische Bischofskonferenz die Nähe der Republikanischen Partei. Ähnlich wie die konservativen Protestantischen Kirchen hielten nun auch die Bischöfe dem politischen Liberalismus und den neu entstehenden Lebenswissenschaften entgegen, dass der Mensch nicht ‚gemacht‘ wird, sondern Geschenk Gottes ist, Gott die Grundlage der Moral und Ziel menschlicher Existenz sei, und beides vom Menschen nicht ersetzt werden könne, ohne einem grundlegenden existentiellen Irrtum zu erliegen. Die Gesellschaft werde zuallererst von der Familie – der organischen Keimzelle aller Gesellschaft – getragen, und die Beziehungen in ihr – der Familie wie auch der Gesellschaft – seien nicht auf ein Vertragsdenken mit wechselseitigem Nehmen und Geben zu reduzieren, und Freiheit nicht auf Autonomie oder Selbstbestimmung in Fragen der Moral.[24]

4.3 Die Antworten der Katholischen Kirche reichen nicht!

Kirchen sollen sich in die Diskurse der Zivilgesellschaft einmischen. Das ist ihre Aufgabe, und sie sind dabei frei von politischen Vorgaben zu halten. Aber Diskurse leben von Pluralität und dem Austragen von Konflikten mit Mitteln der Vernunft. Dies gilt auch für den religiösen und den innerkirchlichen Pluralismus. Naturrecht meint zuallererst ja die Ermächtigung zur Vernunft; und für die Macht der Vernunft kann nur mit Mitteln derselben gekämpft werden – nicht mit Ausschluss, nicht mit Scheuklappen, und auch nicht mit einer herbeifantasierten Gegenwelt zur Gesellschaft, in der Kirche aktiv ist. Kirche lebt in Gesellschaft – oder sie versteinert hinter Mauern einer Scheinwelt.

Im Sommer 2025 gab Governor DeSantis bekannt, dass alleine für die offiziell so genannte Alligator Alcatraz Facility in Florida 450 Millionen USD pro Jahr zur Verfügung gestellt werden. Dies sind Unsummen für ein Lager, das für 3.000 Menschen ausgelegt ist. Die wenigen Berichte, die nach außen dringen, zeugen von Folter, Demütigungen und Rechtlosigkeit der Migrant:innen (vgl. Rahman 2025). Der Erzbischof von Miami, Thomas Wenski, fuhr nach den Berichten persönlich als Teil einer Motorradrally vor die Tore dieses Lagers, um zu demonstrieren, auf welcher Seite die Kirche steht. Er verdammte die Zustände mitsamt der Deportationspolitik der Regierung, forderte eine menschenwürdige Behandlung der Immigrant:innen und Zugang zu Seelsorge (vgl. McConahay 2023). Inzwischen ordneten Richter:innen die Schließung dieses Abschiebezentrums – aber die zuständige Homeland Security Ministerin Kristi Noem hat schon angekündigt, dass ähnliche Einrichtungen nun eben woanders gebaut werden.

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[18] Vgl. dazu meine Auseinandersetzung in Haker 1999.

[19] So etwa in Honneth (1993). Die Debatte hat vor allem auch Rainer Forst (2004) weitergeführt.

[20] In der Theologie setzte sich vor allem David Hollenbach mit der Common Good Ethik auseinander – das Gemeinwohlprinzip genießt etwa den gleichen Stellenwert als Prinzip wie in der deutschen Ethik die Menschenrechte (Hollenbach 2002; Hollenbach 2017). Vgl. auch den Podcast ‚The Counterweight: Reclaiming Catholic Social Teaching‘, online unter: https://www.commonwealmagazine.org/podcast/counterweight-reclaiming-catholic-social-teaching (abgerufen 31.07.2025).

[21] Weitaus radikaler ist jedoch das Nachfolgebuch „Regime Change: Toward a Postliberal Future“ (Deenen 2023).

[22] Zu Steve Bannon, online unter: https://www.adl.org/resources/article/steve-bannon-five-things-know (abgerufen 04.06.2025).

[23] Dies führt Mark Massa (2025) in seinem Buch über den Katholischen Fundamentalismus aus.

[24] Mary Jo McConahay hat die vielen Verflechtungen politischer, finanzieller und religiöser Art rekonstruiert. Dabei erwähnt sie den in Deutschland gerade zu einem bedeutenden Theologen stilisierten Bischof Robert Barron nicht einmal – es gibt in den USA weitaus wichtigere ‚Player‘, und in der Theologie spielt der Medienbischof Barron ebenfalls keine Rolle – was seinen Einfluss auf YouTube nicht verringern soll (vgl. McConahay 2023).

Fazit

Das MAGA Fieber wird nicht brechen, ohne dass sich die mächtigsten Gruppen von Trump abkehren, zu denen die Katholische Kirche aufgrund ihrer Präsenz im Kabinett, in der MAGA Bewegung sowie der Nähe der Mehrheit der US-amerikanischen Bischofskonferenz zur Republikanischen Partei gehört. Womöglich bricht irgendwann (bald) ein Kampf ums ökonomische und soziale Überleben aus, der wie ein Brand auf die ganze MAGA Bewegung übergreifen wird, weil es nun nicht mehr um Entertainment und Freizeitevents geht, sondern um die eingeforderten Opfer. Trumps Regierung wird dann nicht mehr von Hoffnung, sondern von Furcht und der Angst getragen sein, sozial noch einmal – und noch mehr – an den Rand gedrängt zu werden. Scham wird verhindern, dass Donald Trumps Anhänger:innen dies selbst allzu schnell und allzu laut sagen. Aber die Wahrheit ist, dass sie einem Schwindler, einem con man aufgesessen sind, der sie in seinen Bann gezogen hat – und gerade deutsche Nachfahren der NS-Diktatur wissen, wie schwer es ist, sich davon zu lösen (vgl. Quindeau 2025). Denn auch der Widerstand formiert sich schon lange. Der Tea Party stehen die Black Lives Matter Demonstrationen von 2020 genauso gegenüber wie der Stürmung des Kapitols 2021 die No King Demonstration im Juni 2025 mit über 1.600 Einzeldemonstrationen in allen 50 Bundesstaaten und über 5 Millionen Teilnehmenden. Die Platform Indivisible, die es schon seit 2015 gibt, hat mehr Zulauf denn je. Neue Medien, zum Beispiel MeidasTouch Network, erreichen nie erwartete Zuschauer:innen- und Zuhörer:innenzahlen, sodass sie zur Konkurrenz für das Kabelfernsehen werden können. Darüber hinaus gibt es den Widerstand auf der rechtlichen und politischen Ebene, aber eben auch unter den kirchlich organisierten Laien. So ist die christlich geprägte Bürgerrechtsbewegung nach wie vor aktiv, vor allem die Poor People’s Campaign, die New Ways Ministry der queeren Bewegung und viele andere kommunale Gruppen. Auch die 27 Jesuiten Universitäten haben Programme zur Antidiskriminierung, zur Gleichheit und Gleichberechtigung aller Menschen und zur Anerkennung der Vielfalt in ihrem Programm. Sie bilden in ihrem Orden Flüchtlingshelfer:innen, Seelsorger:innen, und Lehrer:innen bzw. Dozent:innen aus, und sie sind eine Säule der humanistischen und ethischen Bildung – im pädagogischen Sinn wie auch im Sinn der Herausbildung mündiger Bürger:innen. Widerstand bedeutet, sich Jemandem oder etwas in den Weg zu stellen, der anderen nachstellt oder eine Struktur zerschlagen will. Dies ist die Herausforderung, die sich uns stellt.

Literaturverzeichnis

Weitere Artikel dieser Ausgabe

  • Wolfgang Thierse (Berlin)

    11. Jg. (2025) Ausgabe 1
    Demokratie als offene Lebensform

    Was bedeutet Solidarität? Jahrestagung des Deutschen Ethikrates zum Thema „Gelingende Solidarität“ – Einleitungsreferat (vom 18.06.2025)

    Abstract Der Beitrag analysiert den komplexen Begriff der Solidarität im Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Ausgangspunkt ist die Betrachtung historischer, kultureller und emotionaler Dimensionen sozialer Gerechtigkeit, anhand derer die Transformation von Solidaritätserfahrungen nachgezeichnet wird. Besonderes Augenmerk gilt der Funktion des Sozialstaats als institutionalisierte Form wechselseitiger Unterstützung, sowie den Spannungslinien zwischen freiwilliger und verpflichtender Solidarität. Abschließend problematisiert der Text ein zunehmendes Freiheitsverständnis, das individueller Selbstverwirklichung Vorrang vor kollektiver Verantwortung einräumt. Der Beitrag plädiert für ein erneuertes Verständnis von Freiheit und Solidarität als wechselseitig bedingte Grundlagen demokratischer Gemeinschaft.

  • Karsten Schubert (Berlin)

    11. Jg. (2025) Ausgabe 1
    Demokratie als offene Lebensform

    Identitätspolitik: Gefahr oder Grundlage der offenen demokratischen Lebensform?

    Abstract Der Artikel argumentiert gegen die weit verbreitete Kritik, Identitätspolitik sei eine Gefahr für die Demokratie und die offene Lebensform als ihre ethische Grundlage. Stattdessen wird Identitätspolitik als notwendiger Motor für die kontinuierliche Demokratisierung verstanden, da sie Wissen über Diskriminierung sichtbar macht und blinde Flecken der Mehrheitsgesellschaft korrigiert. Identitätspolitik verteidigt das Ideal einer offenen, auf Gleichheit und Freiheit gründenden demokratischen Lebensform und leistet einen zentralen Beitrag zur Anerkennung marginalisierter Gruppen. Der Text diskutiert die Ambivalenzen identitätspolitischer Praxis, grenzt demokratisierende von regressiver Identitätspolitik ab und betont deren Unverzichtbarkeit für eine liberale Demokratie und die damit verbundene Ethik der Offenheit.