EthikJournal

Arne Manzeschke (Nürnberg)

Roboter in der Pflege - Von Menschen, Maschinen und anderen hilfreichen Wesen

Digitalisierung und Roboterisierung sind Entwicklungen, die das Gesundheitswesen insgesamt, in besonderer Weise aber die Pflege herausfordern. Pflege ist in fundamentaler Weise Beziehungsarbeit und so gewinnt die Frage nach der Gestaltung der Beziehung zu den Robotern eine besondere Bedeutung. Roboter sind keine einfachen Werkzeuge mehr oder Maschinen, die wir nach unseren eigenen Anforderungen einsetzen. Roboter, wie sie für die Pflege aktuell entwickelt werden, sind komplexe technische Gegenüber, die in die soziale Interaktion mit dem Menschen eintreten, wobei noch nicht klar ist, welchen sozialen und folglich welchen normativen Status wir diesen Erscheinungsformen zuerkennen sollen. Der Artikel bietet einige Orientierungsmarken für diese Diskussion aus einer ethischen und anthropologischen Perspektive.

Alter Technik Roboter Pflege Digitalisierung Ethik

Wovon reden wir, wenn wir von Robotern in der Pflege reden?

Es ist ein Thema, das gegenwärtig große Aufmerksamkeit genießt – und das zugleich mit einem äußerst schmalen Wirklichkeitsbezug. Die Debatte um Roboter in der Pflege, die entweder die Pflegenden in ihrer Arbeit unterstützen oder auch den Pflegenden selbst Unterstützung gewähren, erregt die Gemüter über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus. Allerdings sind die technischen Systeme, die zu diesen Zwecken im Bereich der Pflege tatsächlich eingesetzt werden, derzeit noch in einer sehr geringen Zahl vorhanden (vgl. Isfort et al. 2018). Und doch handelt es sich keineswegs um eine Phantomdebatte, vielmehr ist die gegenwärtige Vehemenz auch im Sinne einer nachholenden Debatte zu verstehen. Betrachtet man die Bemühungen auf deutscher und europäischer Ebene, die seit den frühen 2000er Jahren unter dem Begriff Ambient Assisted Living vor allem von technischer Seite promoviert und erheblich von politischer Seite gefördert worden sind, so lässt sich für diese Frühphase konstatieren, dass die professionelle Pflege dieses Thema in der Breite zunächst ignoriert hat. Auch die förderpolitischen Impulse des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zur »Zukunft der Pflege« seit 2012 sind eher in einem kleinen Kreis von Interessierten und Engagierten aufgenommen worden, als dass sie in der Breite der Profession und der Bevölkerung kontrovers diskutiert worden wären. Insofern bilden Veranstaltungen wie die des Deutschen Ethikrats »Pflege – Roboter – Ethik« (Deutscher Ethikrat 2019) wichtige Impulse für eine wichtige gesellschaftliche Debatte, die Klärungen schaffen sollte, bevor sich solche Beratungen aufgrund der Normativität des Faktischen erledigt haben. Das Problem besteht in der Tat, dass die technischen Entwicklungen in einem Tempo Fakten in unseren gesellschaftlichen Strukturen schaffen, die durch ethische Argumente dann nicht mehr zu revidieren wären. Im Folgenden sollen ethische und anthropologische Überlegungen vorgetragen werden, um im Diskurs über den Einsatz von Robotern in der Pflege einige Orientierungsmarken zu geben.

Roboter, Maschinen und Werkzeuge

Schon lange verwendet der Mensch Technik, die ihm Arbeit abnimmt oder erleichtert. Die Überlegungen zu Ambiente Assisted Living, zu Smart Home, zu Assistenzen in der Mobilität von eingeschränkten Personen liegen in dieser Linie und zielen zunächst auf einzelne technische Geräte, die den Menschen unterstützen sollen. Mit der Verbreitung des Internets und entsprechender Leitungen für hohen Datendurchsatz wird die Vernetzung und Kommunikation zwischen den verschiedenen Geräten interessant und bietet zudem neue Einsatzmöglichkeiten. Mit der leistungsfähigeren Infrastruktur ist auch der Einsatz komplizierterer Maschinen möglich geworden – und damit auch die Frage nach dem Einsatz von Robotern im Gesundheitswesen. Hierbei ist jedoch zwischen verschiedenen Typen von Robotern zu unterscheiden – was zu je unterschiedlichen ethischen Fragen führt.

Der Begriff des Roboters stammt aus einem Theaterstück von Karel Čapek, »Rossums Universale Roboter« (1920). In diesem Stück sind die Roboter – das Wort stammt aus dem Slawischen und bedeutet so viel wie »Arbeit, Frondienst« – künstlich hergestellte Menschen, die zu stupider Arbeit zugerichtet werden und darüber ihre Menschlichkeit nahezu verlieren. Demgegenüber bezeichnen Roboter heutzutage nicht-menschliche Systeme, die auf technischem Wege in die Lage versetzt werden, menschliche Tätigkeiten zu übernehmen. Im Bereich der Pflege wird aufgrund des starken Mangels an Fachkräften an nahezu alle pflegerischen Tätigkeiten gedacht; Beschränkungen bestehen derzeit vor allem in technischer und – wohl auf längere Zeit – in moralischer Hinsicht. Das moralische Veto lässt sich wohl am pointiertesten in der Formel zusammenfassen: Technik darf menschliche Zuwendung nicht ersetzen.

Betrachtet man Roboter als Weiterentwicklung von Maschinen und Automaten, so lassen sich gegenwärtig drei Stufen der Robotik verzeichnen. 1) Industrieroboter, für die es nach ISO 8373 (2012) eine Definition gibt: »Ein Roboter ist ein frei und wieder programmierbarer, multifunktionaler Manipulator mit mindestens drei unabhängigen Achsen, um Materialien, Teile, Werkzeuge oder spezielle Geräte auf programmierten, variablen Bahnen zu bewegen zur Erfüllung der verschiedensten Aufgaben«. Dieser Typus von Robotern begegnet uns vor allem in den Industriehallen, wo er durch Sicherheitskäfige vom Menschen abgeschirmt seine repetitiven Aufgaben ausführt. Diese Roboter sind schnell, kräftig und für den Menschen gefährlich, weil sie über kein weiteres Orientierungsvermögen verfügen und einen Menschen, der ihren Operationsradius betritt, schädigen würden. 2) Der zweite Typus von Robotern sind sogenannte Serviceroboter, die aufgrund von Situationssensitivität in der unmittelbaren Umgebung des Menschen arbeiten (z. B. Staubsaugroboter) oder sogar mit dem Menschen interagieren können, ohne den Menschen, Tiere oder Gegenstände bei unvorhergesehenen Ereignissen durch Fortsetzung seiner Aktion zu schädigen. Die über den Industrieroboter hinausgehende Leistung dieses Robotertyps besteht darin, dass er ein umfangreicheres Orientierungsvermögen über die Kontextfaktoren hat, die für seine Operationen relevant sind, insbesondere durch die Anwesenheit von Lebewesen oder sich von Situation zu Situation ändernden Umgebungsbedingungen (z. B. Lichtverhältnisse, örtliche Variationen der Objekte, unübliche Verhaltensweisen der Interaktionspartner). 3) Der dritte Typus von Robotern ist der soziale Roboter. Hier gibt es einen Definitionsversuch, der für unsere Überlegungen brauchbar erscheint: Der soziale Roboter ist „eine physische Entität, die in einem komplexen, dynamischen und sozialen Umfeld ausreichend befähigt ist, um sich auf eine Weise zu verhalten, die förderlich ist für die eigenen Ziele und die der Gemeinschaft.« (Duffy et al. 2014; Übers. AM).

Diese Beschreibung kommt dem schon sehr nahe, was wir üblicherweise als soziales Verhalten bezeichnen und Menschen und allenfalls noch wenigen Primaten zusprechen. Diese Roboter sind – bzw. sollen es in Zukunft sein – in der Lage, auf menschliche Artikulationen sprachlicher und emotionaler Art einzugehen und sich auf diese Weise in einem Umfeld mit hoher Komplexität zu orientieren und adäquat auf die Anforderungen in dieser Situation einzugehen. Die Leistung von sozialen oder sozio-emotionalen Roboter besteht zunächst weniger darin, bestimmte Tätigkeiten zu verrichten, als vielmehr mit den Menschen in eine soziale Interaktion zu treten. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass mit dem entsprechenden technischen Fortschritt die Typen 2 und 3 zu einem neuen Robotertypus verschmelzen werden, der, umfassend sozial orientiert, dem Menschen bei den verschiedensten Anforderungen zur Hand gehen könnte. Die gesamte und hier nur holzschnittartig dargestellte technische Entwicklung korrespondiert mit einer politischen Setzung, die das BMBF bereits 2013 in einer Förderausschreibung programmatisch so formuliert hat: »Technische Systeme entwickeln sich immer mehr von reinen Werkzeugen zu kooperativen Interaktionspartnern. Das eröffnet vielfältige Chancen in unterschiedlichen Lebensbereichen. Sie werden Menschen zunehmend in Arbeitskontexten oder in Alltagssituationen unterstützen und einen wichtigen Beitrag leisten, ihre Produktivität, soziale Teilhabe, Gesundheit oder Alltagskompetenz zu stärken.« (BMBF 2013)

Interaktion ist ein weiter Begriff und so lassen sich in der Robotik im Gesundheitswesen starke Unterschiede zwischen einem Operationsroboter einerseits und einem Pflegeroboter andererseits ausmachen. Das betrifft weniger die technischen Fertigkeiten der verschiedenen Robotertypen als vielmehr ihre konkreten Einsatzgebiete, bei denen es zu verschiedenen Fragen und zu unterschiedlichen moralischen und auch ethischen Bewertungen kommt. Vorläufig lässt es sich so verdeutlichen, dass der Einsatz eines Operationsroboters, der den Operateur bei der Versorgung der Patientinnen und Patienten unterstützt, wenig moralische Ablehnung hervorruft, weil hier von Menschen durchgeführte Tätigkeiten präzisiert und teilweise automatisiert werden, dabei jedoch der operierende Mensch die Kontrolle über den gesamten Prozess behält. Sicher sind hier Fragen zu Verdrängungseffekten von menschlicher Arbeit durch Robotik zu stellen (vgl. Manzeschke 2019). Im Bereich der Pflegerobotik stellt sich aber noch eine ganz andere Frage: Verdrängt eine technische Unterstützung die menschliche Zuwendung als solche und unterläuft sie damit ein Kernelement der professionellen Pflege und, darüber hinaus, der menschlichen Sorge füreinander überhaupt? Dieses vorerst noch sehr grobe Beispiel macht deutlich, dass es bei ethischen Fragen zum Einsatz von Robotern im Gesundheitswesen sehr auf die Form der Unterstützung ankommt: Wer unterstützt wen worin und mit welchem Ziel?

Im Folgenden werde ich mich auf die Robotik in der Pflege konzentrieren.[1] Um an dieser Stelle die Diskussion differenzierter führen zu können, möchte ich einen Vorschlag zur Unterscheidung von Unterstützungsformen machen. Ich schlage vor, zwischen ›technischer Assistenz‹ und ›menschlicher Hilfe‹ zu unterscheiden. Auch wenn die Begriffe im Alltagsgebrauch (und auch im Sozialrecht) nicht konsequent unterschieden werden, so erscheint es mir der Sache nach angemessen. Mit ›Hilfe‹ bezeichne ich eine Interaktion zwischen Menschen, bei der einer dem anderen seine Ressourcen, Fähigkeiten oder sich selbst zur Verfügung stellt, um die Ziele des Anderen umzusetzen, wozu der allein und aus sich heraus nicht oder nicht mehr in der Lage ist. ›Assistenz‹ dagegen kann in technischer oder personaler Form geleistet werden. Mit Assistenz wird das funktionale Element einer Unterstützungsleistung bezeichnet, die ohne die ›Beimischung‹ des sozialen, zwischenmenschlichen Elements erbracht wird. Das wird im einen Fall unter Umständen als sehr entlastend erlebt, wenn z. B. bei intimen Verrichtungen gerade kein Mensch anwesend sein muss. Auf der anderen Seite werden ›mechanisch‹ anmutende Verrichtungen durch Menschen oft als problematisch, weil ›seelenlos‹ erlebt. Es kommt also darauf an, genau hinzusehen und zu unterscheiden, was wann wie erlebt wird und was wann von wem als angemessen oder unangemessen bewertet wird. Wichtig für das weitere Argument ist die Beobachtung, dass ein Roboter bisher lediglich das ›funktionale Element‹ einer Verrichtung erbringen kann, also z. B. Gegenstände oder Essen anreichen oder bei der Mobilisierung aus dem Bett unterstützen. Bisher sind die verfügbaren Roboter jedoch nicht in der Lage, sowohl auf der funktionalen wie auf der sozialen Ebene gleichermaßen überzeugend zu agieren. Das mag sich mit der Zeit und dem technischen Fortschritt ändern, doch gegenwärtig können wir die These formulieren, dass Roboter in bestimmten Bereichen in der Lage sind, von Menschen erbrachte Tätigkeiten nicht nur zu unterstützen, sondern ganz zu übernehmen, sofern es das funktionale Element dieser Leistung betrifft. Es ist festzuhalten: Roboter verfügen über unterschiedliche Erscheinungsformen, sie adressieren unterschiedliche Bedürfnisse und Funktionalitäten und sie simulieren eine soziale und emotionale Aktion bzw. Reaktion in sozio-technischen Arrangements.

Ein Problem, das sich gegenwärtig für die Pflege als Profession auftut, das aber möglicherweise unsere Gesellschaft insgesamt mit Blick auf unser Hilfe- und Sorgeverständnis verändern könnte, ist die Frage, ob und wie sich unser menschliches Verständnis von Hilfe und Sorge neu konturiert, wenn Roboter einen nicht unerheblichen Teil dieser Tätigkeiten übernehmen werden und ein ›Gefühl‹ für die zwischenmenschliche Dimension der Hilfe verloren geht, weil das funktionale Element so stark im Vordergrund steht. Das gilt zum einen hinsichtlich der konkreten Praxis, in der wegen massiven Fachkräftemangels und immer weiter steigenden Pflegebedarfs das funktionale Element dominant ist. Das gilt aber auch für den ›Erfahrungshaushalt‹ in den Pflegesystemen und in der Gesellschaft insgesamt: In dem Maße, in dem das zwischenmenschliche Moment der Zuwendung und Hilfe immer weniger erfahrbar ist, in dem Maße könnte es auch als eine vielleicht wohltuende, aber letztlich unrealistische Vorstellung verabschiedet werden. Das wäre in jedem Fall als ein Verlust an Menschlichkeit zu verbuchen, denn das Vermögen zur Empathie und Sorge für den Andren betrifft eine wesentliche Seite unserer Humanität. Dieser Verlust kommt aber nicht etwa zustande, weil Roboter als menschlicher Widerpart uns Menschen solche Vorstellungen austreiben würden, sondern, weil wir Menschen es an Phantasie und Verantwortung mangeln lassen, um unser Gesundheitssystem entsprechend zu gestalten und nicht nur auf die technische Innovation zu setzen, sondern zugleich unsere sozialen Systeme und unsere moralischen Einstellungen weiterzuentwickeln. Hierbei spielt noch ein weiteres Moment eine Rolle. Die Roboter, die in der Servicerobotik entwickelt werden, werden – wenn es für diesen Bereich keine anderen Entscheidungen gibt – in Zukunft wohl auch über ein soziales und emotionales Darstellungsvermögen verfügen und auf diese Weise an die Menschen im Pflegebereich ein ›soziales Angebot‹ machen. Das liegt zum einen daran, dass die Roboter solche sozialen Signale senden werden (bzw. es heute schon tun) und zum anderen daran, dass wir Menschen bereit sind mit anderen Lebewesen, aber auch mit unbelebten Gegenständen, in eine soziale Beziehung einzutreten bzw. sie emotional zu besetzen.

So wird gegenwärtig darüber diskutiert, ob und in welcher Weise die Interaktion mit Sprachassistenten wie Alexa, Siri u. a. die menschlichen Kommunikationsweisen und überkommene Höflichkeitsformen verändert. Wie können solche Veränderungen bewertet werden? Welche Kriterien helfen dabei, hier ›gute‹ von ›schlechten‹ Gewohnheiten zu unterscheiden und welche Maßnahmen können oder sollen zur Regulierung ergriffen werden?

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[1] Zum Einsatz von Robotik in der Chirurgie vgl. Manzeschke 2014 und allgemeiner Manzeschke 2018.

Beziehung mit Robotern?

Es sieht danach aus, dass wir Menschen im Begriff stehen, eine neue Existenzweise zu konstruieren, mit der wir nicht nur auf funktionale Weise in Interaktion treten, wie wir das schon länger mit Maschinen und einfachen Werkzeugen tun, sondern, dass wir zu ihr auch in eine soziale und emotionale Beziehung treten werden – wie das in der menschlichen Kulturgeschichte schon länger imaginiert, aber bisher nicht realisiert worden ist: Pygmalion und Galatea, der Golem von Prag, Olympia in E.T.A. Hoffmanns »Sandmann«. Wir sehen uns gefordert, uns zu dieser Existenzweise in Beziehung zu setzen, die so nicht natürlich vorkommt, sondern von uns Menschen selbst konstruiert worden ist. Das fordert uns in ganz anderer Weise, als es bei natürlich vorkommenden Lebewesen der Fall ist.[2] Dort gestalten wir die Beziehung in der Weise, das wir im Gegenüber eine gewisse Intentionalität wahrnehmen und – wenn es gut geht – darauf eingehen, also Beziehung gestalten. So erkennen wir z. B. bei höher organisierten Tieren durchaus, wann sie Schrecken oder Schmerz verspüren und versuchen das zu vermeiden – wenngleich hier eingeräumt werden muss, dass wir uns mittlerweile ein bisweilen sophistisch anmutendes Arsenal an Argumenten zugelegt haben, um diese Intuition zu ignorieren.

Was heißt es nun, mit einem von uns Menschen konstruierten Wesen in eine soziale Beziehung zu treten, bei der dieses Wesen, der Roboter, nicht nur irgendwelche Arbeit im funktionalen Sinne verrichtet, sondern darüber hinaus mit uns Menschen in einem sozialen Prozess Nähe und Distanz aushandeln wird. Der Roboter ist eben keine Maschine mehr, die wir Menschen ganz nach unserem Belieben einsetzen. Auch wenn auf Seiten des Roboters gar keine sozialen Ansprüche oder Gefühle im ›Spiel‹ sein sollten, so spielen sie doch auf ›unserer‹ Seite eine Rolle. Und dem sollten wir uns stellen. Eine Szene, die das sehr schön verdeutlicht, stammt aus dem Film »Robot und Frank« von 2012. Frank, ein älterer Herr, der an einer leichten Demenz leidet, bekommt von seinem Sohn einen Roboter, der ihn im Alltag betreuen soll. Nur widerwillig lässt er sich auf diesen Hausgenossen ein, bis er entdeckt, dass ihm dieser Roboter durchaus behilflich sein kann, seine einschränkungsbedingt ruhende Tätigkeit als Juwelendieb in enorm effektiver Weise wieder aufzunehmen. Eine ethische Frage sei hier nur am Rande erwähnt, aber sie ist alles andere als trivial zu beantworten: Soll ein Roboter bedingungslos an den Interessen oder Präferenzen des Unterstützungsbedürftigen ausgerichtet werden? Und wenn nicht, an welchen Interessen sonst und nach welchen Kriterien? Wir werden uns diesen Fragen stellen müssen. Die Frage, die mich hier stärker interessiert, ist die nach der Beziehung zwischen dem Menschen und dem Roboter: Die Polizei entdeckt Franks kriminellen Machenschaften; der einzige Weg, die entsprechenden Beweise gegen ihn zu vernichten, besteht darin, den Speicher des Roboters zu löschen, ihn also vollständig abzuschalten. Das schlägt auch der Roboter mit ganz rationalem Kalkül vor. Frank zögert jedoch: »Er ist doch mein Freund«.

Was heißt es, einen Roboter zum Freund zu haben? Und ist es schon Freundschaft, wenn die Zuschreibung nur von einer Seite geschieht? Eine solche einseitige Zuschreibung geschieht unter Umständen, wo Menschen Hunde, Katzen oder andere Lebewesen ihre Freunde nennen. Das wäre also tatsächlich nicht neu, dass wir nicht sicher sein können, ob dieses ›Konzept Freundschaft‹ auch beim nicht-menschlichen Gegenüber existiert und beantwortet wird. Ein entscheidender Unterschied liegt nach meiner Einschätzung darin, dass wir bei natürlichen Lebewesen als sozialem Gegenüber es mit einem Wesen zu tun haben, das seine Grenzen selbst setzt – auch wenn wir Menschen diese Grenzen vielleicht nicht immer respektieren. Bei einem von Menschen konstruierten Roboter werden diese Grenzen jedoch nicht von ›innen‹ durch den Prozess des Lebens reguliert, sondern durch andere Menschen, die zunächst ein bestimmtes Programm schreiben. Allerdings muss man hierbei bedenken, dass es bei selbstlernenden Algorithmen, die in einem Roboter ein ›Lernen‹ ermöglichen, irgendwann nicht mehr kausal rekonstruierbar sein, warum der Roboter eine bestimmte Handlungsoption wählt. Das wäre einem Lebewesen in seiner Eigenständigkeit vielleicht sogar vergleichbar. Aber es bleibt nach wie vor die merkwürdige und schwer einzuordnende Tatsache bestehen, dass einem Menschen in einem Roboter zunächst die Ziele und Vorstellungen von anderen Menschen begegnen. Zugleich sind es eben gerade keine Menschen, die man vor sich hat – aber was dann?

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[2] Es ist jeweils ein Weltbild, aus dem heraus wir eine bestimmte Taxonomie entwickeln, mit der wir Lebewesen und anderen Existenzformen, wie Robotern, einen bestimmten Status zuweisen; vgl. Meyer-Abbich 1997.

Innen und außen der ›belebten‹ Maschine

Beziehungen sind immer Prozesse zwischen mindestens zwei Entitäten, die über ihre jeweiligen physischen Grenzen hinweg geschehen und bei denen obendrein soziale Grenzen zwischen den Beziehungspartnern jeweils neu ausgehandelt werden. Bezüglich der physischen Grenzen gilt: Lebewesen setzen diese Grenzen von sich aus und aus sich selbst heraus. Bei Lebewesen geschieht diese Grenzsetzung durch einen biologischen Prozess, bei dem die morphologische Entwicklung zwar nicht frei ist von genetischen Mutationen und sozialen Prozessen, die aber im Wesentlichen (und im Normalfall) von dieser biologischen Vorgabe abhängt. In den Begriffen der Philosophie und Theologie wird hier von »geworden« im Unterschied zu »gemacht« gesprochen.

Bei nicht belebten Entitäten wird man demgegenüber das »Gemachte« betonen, denn dort wird diese Grenze von außen gesetzt. Das Holz für einen Tisch wird z. B. zugeschnitten, die Kunststoffform für das Interieur eines Autos wird in speziellen Verfahren gezogen oder gegossen. Das gilt auch für Roboter: Ihre äußere Erscheinung unterliegt den Designvorstellungen der Konstrukteure und Kunden. So betrachtet bleiben sie Maschinen, die für bestimmte Zwecke mit einem bestimmten Äußeren hergestellt werden. Der besondere Unterschied besteht jedoch in ihrem ›Inneren‹, das anderen unbelebten Gegenständen nicht eignet, das aber originär sich nicht wie bei anderen Lebewesen einem evolutionären und sozialen Prozess verdankt, sondern ebenfalls wie das Äußere von Menschen konstruiert wird.

Bei Robotern haben wir es also in Bezug auf die äußere Erscheinungsform mit einem unbelebten Gegenstand zu tun, der den Gebrauchsinteressen und den ästhetischen Vorstellungen von Menschen entspricht. Darüber hinaus verfügt dieser Gegenstand jedoch über ein quasi belebtes Innere, mit dem die Beziehungsgestaltung in beiderlei Richtung verlaufen kann. Das unterscheidet diesen Gegenstand Roboter von anderen unbelebten Gegenständen. Es unterscheidet ihn auch von Automaten und Maschinen, den man ja eine gewisse Selbstbewegung bzw. ein ›Eigenleben‹ attestieren könnte. Der wesentliche Unterschied zu Maschinen besteht hierbei in der sozialen bzw. emotionalen Ebene, die durch einen Roboter gezielt angesprochen wird, wohingegen sie bei Maschinen keine Rolle spielt. Auf dieser Grundlage erscheint eine wechselseitige Beziehung möglich – und das macht den Roboter zu einem interessanten, aber auch umstrittenen Gegenüber, bei dem eben einerseits noch nicht recht klar ist, womit wir es zu tun haben und welche sozialen Rechten und Pflichten für welche Seite daraus erwachsen, der uns andererseits aber bereits jetzt dazu auffordert, uns konstruktiv zum ihm ins Verhältnis zu setzen. Im Unterschied jedoch zu natürlichen Lebewesen, mit denen wir die Beziehung aushandeln und den normativen Status des Anderen[3] als ›geworden‹ erkennen und anerkennen, existiert ein solcher gewordener normativer Status beim Roboter nicht – er muss von uns Menschen konstruiert werden.

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[3] Bereits in den 1990er Jahren hat Avishai Margalit (1997) darauf hingewiesen, dass mit dem sozialen Status auch ein normativer Status verbunden ist.

Was wir uns selbst schuldig sind

Digitalisierung und Roboterisierung werfen grundlegende Fragen für die Ethik und Anthropologie auf, die in der Gesellschaft gemeinsam bedacht und beantwortet werden wollen. Digitalisierung und Roboterisierung werden durch ihre technische Vermittlung die Gestalt der Pflege und im Weiteren die Sorge für bedürftige Menschen bestimmen. Das Thema geht uns alle an – nicht nur als potenzielle Kandidaten des Pflegesystems, sondern ganz allgemein als Menschen, die ein Interesse haben, dass Humanität das Zusammenleben der Menschen bestimmt. Der Einsatz von Technik im Allgemeinen und Robotern im Besonderen muss der Humanität nicht entgegenstehen, vorausgesetzt, dass wir uns den oben formulierten Fragen stellen und den Entwicklungsprozess für Roboter bewusst und verantwortlich gestalten wollen. Mit »Wir« meine ich zum einen die Professionellen und Organisationen im Gesundheitswesen, die ihre fachliche Expertise, ihre strukturellen und prozeduralen Kenntnisse und – wie allen anderen am gesellschaftlichen Beratungsprozess Beteiligten – ihre moralischen Einstellungen mit einbringen müssen. Zum anderen sind wir alle als Bürgerinnen und Bürger eines pluralen und sozialen Gemeinwesens gefordert, diesem für die Zukunft eine Gestalt zu geben, die ein menschenfreundliches Angesicht zeigt. Diese erhält es nicht vorrangig durch Designentscheidungen für das Äußere der Roboter, die mit uns in sozialen Kontakt treten sollen und treten werden. Sehr viel mehr wird es davon abhängen, wie wir das Innere dieser Wesen konstruieren, und wie sehr wir Menschen selbst lernen, über den Umgang mit ihnen und die Unterstützung durch sie unseren Sinn für das Soziale, die Fähigkeit zur Empathie und die Bereitschaft zur Hilfe gegenüber Menschen in Not unter den sich verändernden Bedingungen weiter zu entwickeln.

Literaturverzeichnis

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