EthikJournal

Christiane Bomert (Tübingen)

Externalisierung von Sorge in der häuslichen Pflege und sozial-ökologische Transformation: Anknüpfungspunkte und Herausforderungen für die Soziale Arbeit

Die Externalisierung von Sorge älterer Menschen an osteuropäische Care-Arbeiterinnen, die in der häuslichen Pflege beschäftigt sind, ist seit etwa 30 Jahren in Deutschland zu beobachten. Der Beitrag nimmt ihre prekären Beschäftigungsverhältnisse und daraus resultierenden Unterstützungsbedarfe zum Ausgangspunkt, um Ansätze eines grundlegenden, sozial-ökologischen Wandels zur Verbesserung des gegenwärtigen Sorgesystems aufzuzeigen. Auf der Grundlage der bestehenden Artikulationsmöglichkeiten der Migrantinnen werden diese Strategien explizit aus der Perspektive der Sozialen Arbeit in den Blick genommen und professionsbezogene Anknüpfungspunkte und Herausforderungen abgeleitet.

Externalisierung von Sorge Transnationale Care-Arbeit sozial-ökologischer Wandel Organisierung Empowerment

Einleitung

„Wenn Versorgungslücken in Regionen des Globalen Nordens entstehen, wird Sorgearbeit neu verteilt, jedoch nicht zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen Frauen aus verschiedenen sozialen Klassen und Regionen“ (Noever Castelos/Siemons 2017, 31).

Die Externalisierung von Sorge und Pflege älterer Menschen zeigt sich gegenwärtig in verschiedenen Phänomenen: Die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland gilt als zentrale Strategie zur Bekämpfung des Fachkräftemangels von Ärzt:innen und Pflegepersonal im deutschen Gesundheitswesen. Insbesondere im Rahmen der gegenwärtigen COVID-19-Pandemie, die das Gesundheitssystem in erheblicher Weise herausfordert, wurden diese Bemühungen einmal mehr verstärkt. Für ältere Menschen aus dem globalen Norden lassen sich darüber hinaus zunehmend Entwicklungen in umgekehrter Richtung beobachten: Sie ziehen für ihre stationäre Langzeitpflege in Altenpflegeeinrichtungen des globalen Südens, die bspw. in Thailand speziell für deutschsprachige Menschen errichtet wurden. Ein zentrales, politisch aber kaum berücksichtigtes Fundament des deutschen Pflegesystems ist ferner im häuslichen Pflegebereich zu finden: Bei diesem medial sowie im Kontext der gegenwärtigen COVID-19-Krise weit weniger thematisierten Phänomen kommerzialisierter Pflege handelt es sich um die vielen meist aus Osteuropa stammenden Betreuerinnen, die mit im Haushalt der Pflegebedürftigen leben. Solche Sorge-Arrangements, die im Fokus des vorliegenden Beitrags stehen, sind seit etwa 30 Jahren in Deutschland zu beobachten und heute für 11 % der Pflegehaushalte gelebte Realität (vgl. Hierschler u. a. 2017, 95), obwohl vielfältige Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen etwa in Form von Verstößen gegen das Arbeitszeitgesetz und gegen die Bestimmungen zum gesetzlichen Mindestlohn mit ihnen einhergehen.

Für Wissen und Brand (2019) ist die Externalisierung von Sorge ein Phänomen der überproportionalen und privilegierten Ausbeutung von Arbeitskraft und Umwelt im globalen Maßstab und damit Teil der „imperialen Lebensweise“[1] (ebd.). Sie wird als imperial bezeichnet, weil sie „die (fast) gratis zur Verfügung gestellte Arbeitskraft von Frauen vor Ort und von andernorts ausbeutet“ (Noever Castelos/Siemons 2017, 32), sich gesellschaftlich zunehmend verbreitet und zu einem „angestrebten sozialen Abgrenzungsmerkmal“ (ebd.) zwischen einer globalen Mittel- und Oberschicht und sozial niedriger gestellten Care-Arbeiterinnen wird. Aufrechterhalten wird die Externalisierung durch tief verwurzelte Denkmuster, bestehende Infrastrukturen, die Dominanz privater Akteur:innen im Gesundheitsbereich und inadäquate politische Strategien, die das gegenwärtige Pflegesystem festigen (vgl. ebd., 34). Diese Situation lässt ein grundlegendes Umdenken von Sorge hin zu einem nachhaltigen Umgang mit sozialen und ökologischen Ressourcen nahezu als utopisch erscheinen. Dennoch gibt es bereits viele „Ansätze, um die Bedingungen von Sorgearbeit zu ändern, und Menschen, die den Kampf für solche Veränderungen bereits führen, zu unterstützen“ (ebd.; vgl. etwa Winker 2021). Sie verstehen sich explizit als solidarisch, da sie anerkennen, dass alle Menschen aufeinander sowie auf die Natur angewiesen sind und sich daraus zwangsläufig eine Verantwortung füreinander ableitet. Soziale und ökologische Verhältnisse sind in einem solchen Verständnis zusammenzudenken, eine Ausbeutung von Mensch und Natur findet darin keinen Platz (vgl. Ambach u. a. o. J., 5). Diese Ansätze und Strategien sind Teil eines ganzheitlichen Wirtschaftsverständnisses im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation, die zwangsläufig die Abkehr vom Prinzip der Externalisierung, also der Auslagerung von Folgekosten (Natur, Soziales) auf die Allgemeinheit beinhaltet (vgl. Hackfort 2017, 13).

Die skizzierte Problematik betrifft auch die Soziale Arbeit. Wie verschiedene Beispiele etwa aus der Bildungs- und der Gemeinwesenarbeit gezeigt haben, kann sie „Teil und treibende Kraft der sozialen Innovation und ökosozialen Transformation sein“ (Ehlsen 2013, 11). Darüber hinaus ist sie auf vielfältige Weise mit Sorge bzw. Care verknüpft: Care ist zentraler Bestandteil verschiedener Handlungsfelder der Sozialen Arbeit, und sie agiert selbst in verschiedenen Care-Kontexten (vgl. Bomert u. a. i. E.). Vor diesem Hintergrund nimmt der vorliegende Beitrag einige der bestehenden Strategien zur Verbesserung des gegenwärtigen Sorgesystems bzw. zu dessen grundlegendem, sozial-ökologischem Wandel explizit aus der Perspektive der Sozialen Arbeit in den Blick, um professionsbezogene Anknüpfungspunkte und Herausforderungen abzuleiten. Grundlage bilden die empirischen Erkenntnisse zu den öffentlichkeitswirksamen Artikulationsmöglichkeiten osteuropäischer Care-Arbeiterinnen in Deutschland (vgl. Bomert 2020).

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[1] Mit dem Begriff geht es Wissen und Brand (2019) insbesondere „darum zu erklären, dass und wie Herrschaft im neokolonialen Nord-Süd-Verhältnis, in den Klassen- und Geschlechterverhältnissen sowie durch rassisierte Verhältnisse in den Praxen des Konsums und der Produktion normalisiert wird, sodass sie nicht länger als solche wahrgenommen wird“ (ebd., 42).

Mehrfach gestützt: Die Externalisierung von Sorge

Durch verschiedene Rahmenbedingungen des derzeitigen Sorgesystems wird die Externalisierung von Sorge- bzw. Care-Arbeit aufrechterhalten: Sie ist, erstens, entlang der Ungleichheitsdimensionen race, class und gender organsiert. Sie gilt bis heute als „weibliches Terrain“ (vgl. Rudolph 2016, 4) und nicht als produktive Arbeit. Dadurch wird auch bezahlte Care-Arbeit familialisiert und damit unsichtbar (vgl. ebd.). Wie tief die damit verbundenen Rollenbilder für den hier im Fokus stehenden häuslichen Pflegesektor wirken, zeigt eine Studie des Deutschen Pflegeinstituts eindrücklich: 63,6 % der dort befragten Pflegehaushalte geben an, das wichtigste Auswahl- bzw. „Qualifikationskriterium“ für sie sei, dass es sich bei der einzustellenden Kraft um eine Frau handelt, gefolgt von Einfühlungsvermögen und pflegerischen Kenntnissen (vgl. Neuhaus u.a. 2009, 62). Ferner erfüllt die Konstruktion der Migrantin als „ethnisch Andere“ am Arbeitsort Privathaushalt zum einen die Funktion, den Arbeitgeber:innen die schambesetzte Delegation von Care-Arbeit, die Einblicke in die intime Privatsphäre gewährt, zu erleichtern. Zum anderen dient sie dazu, die sozialen Positionierungen bzw. das hierarchische Verhältnis zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden im Privatraum auszuhandeln bzw. zu rechtfertigen (vgl. Karakayali 2010, 157). Der kulturelle Hintergrund kann in diesem Setting Klassenpositionen überlagern, „beispielsweise indem Ethnizität als Hierarchiemarker auch dann funktioniert, wenn ArbeitgeberIn und Beschäftigte über ähnliche Bildungsabschlüsse verfügen“ (ebd.).

Die gegenwärtige Organisation von Sorge ist, zweitens, durch ein Fehlen institutioneller Standards und Kontrollen in der häuslichen Pflege gekennzeichnet. Eine Grundlage dafür bildet das in Deutschland vorrangig genutzte „Entsendemodell“. Bei diesem kooperieren deutsche Vermittlungsagenturen, die mit einer 24-h-Verfügbarkeit der Kräfte werben, mit Dienstleistungsfirmen bzw. Entsendeunternehmen aus dem Ausland, die die Betreuungskraft rekrutieren, beschäftigen und nach Deutschland entsenden. Die Anzahl solcher Agenturen ist in den letzten Jahren rasant angestiegen: Wurden im Jahr 2009 ungefähr 60 Agenturen gezählt, versorgen heute 337 deutsche und 140 polnische Agenturen den deutschen Pflegemarkt (vgl. Timm 2019, 138; Steiner u. a. 2019, 5). Sie „erzielen unverhältnismäßig hohe Einnahmen für reine Vermittlungstätigkeiten, ohne Verantwortung für die Qualität der vermittelten Pflege oder Haftung für die vermittelten Arbeitsbedingungen zu tragen“ (Timm 2019, 139). Angesichts der Marktmacht solcher Unternehmen müssen sich die so rekrutierten migrantischen Care-Arbeiterinnen dem „Diktat der Vermittlungsagenturen beugen“ (Interviewauszug zit. i. Bomert 2020, 225)[2] und die versprochene Rundumversorgung gewährleisten. Das führt dazu, dass in Deutschland immer wieder gegen das Arbeitszeitgesetz und gegen die Bestimmungen zum gesetzlichen Mindestlohn verstoßen wird (vgl. Hielscher u. a. 2017, 97). Für die geltenden Bestimmungen treten bislang jedoch nur wenige gesellschaftliche Akteur:innen ein, und auch die Finanzkontrolle Schwarzarbeit kann ohne eine Betretungsbefugnis für Privathaushalte entsprechende Verstöße nicht ahnden (vgl. Schilliger/Schilling 2017, 107f.; Timm 2019, 143). Mangels institutioneller Standards und tragfähiger gesetzlicher Vorgaben fehlen den Care-Arbeiterinnen wesentliche „Machtressourcen, die sie in den Aushandlungen mit ihrem/ihrer Arbeitgeber*in nutzen können“ (Becker 2019, 122).

Es lässt sich, drittens, konstatieren, dass die Politik die beschriebenen Ungleichheiten im Sorgesystem absichert (vgl. Noever Castelos/Siemons 2017, 34). So können etwa viele Familien die Beschäftigung von mehreren Care-Arbeiterinnen, die die Versorgung in einem Pflegehaushalt parallel unter Einhaltung der Arbeitszeitenregelungen übernehmen können, finanziell nicht tragen. Da die deutsche Pflegeversicherung lediglich als Teilkostenversicherung konzipiert ist und es nur eine mangelnde Kontrolle über die Verwendung dieser Geldleistungen gibt, werden entsprechende Arrangements auf dem grauen Markt unterstützt bzw. soziale Netzwerke zur Versorgung der Pflegebedürftigen oder entsprechende finanzielle Ressourcen für eine Heimunterbringung quasi vorausgesetzt (vgl. Karakayali 2010, 154).

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[2] Um dem zu entgehen arbeiten insbesondere Care-Arbeiterinnen, die schon länger in der 24-h-Pflege beschäftigt sind, in selbst organisierten, rotierenden Pflegeteams mit mehreren Frauen – oft innerhalb familiärer Strukturen – zusammen und wechseln sich in selbstbestimmten Abständen ab (vgl. Satola 2019, 184).

Von der Versorgungs- zur „Schutzlücke“ in der häuslichen Pflege? Die Situation von transnationalen Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten

„Es ist nicht die Arbeit selber, die schlimm ist, sondern dass wir isoliert in einem Privathaushalt sind – ohne soziale Kontakte, ohne Privatleben, Tag und Nacht verantwortlich für einen kranken Menschen. Ein Leben im Rhythmus von anderen: vom Essen über das Fernsehprogramm bis hin zu den Nächten ohne Schlaf“ (Bożena Domańska, zit. in Schilliger 2017, 32).

Arlie Hochschild prägte im Zusammenhang der Verschiebung von Care-Arbeit zwischen Frauen die Metapher der „globalen Versorgungketten“ (2000), die ein koloniales Verhältnis verdeutlicht, „in welchem anstelle von Rohstoffen ein soziales Gut, nämlich emotionale Arbeit, von den Ländern des globalen Nordens angeeignet wird“ (Schilliger 2013, 52, zit. in Biesecker/von Winterfeld 2014, 12). Die konkrete Ausgestaltung dieser Beschäftigungs-verhältnisse ist ausgesprochen facettenreich und individuell. Gleichzeitig zeigen sich gleichbleibende Tätigkeiten, die aus hauswirtschaftlichen, grundpflegerischen und emotionalen Elementen bestehen, sowie wiederkehrende Lebens- und Beschäftigungsbedingungen, die fester Bestandteil dieser Pflegearrangements sind. In der öffentlichen Debatte werden diese Care-Arrangements auf der einen Seite zwar seit einigen Jahren als berechtigte Alternative zur stationären Heimunterbringung grundsätzlich moralisch legitimiert, auf der anderen Seite werden die Beschäftigten und ihre Arbeit jedoch massiv abgewertet.

3.1 Arbeitsbedingungen und Unterstützungsbedarfe

Die wissenschaftliche Analyse dieser Arrangements hat seit der Jahrtausendwende massiv zugenommen. Als ein zentrales Kennzeichen gilt die fehlende räumliche und zeitliche Trennung von Arbeitsplatz und Wohnort. Erwartet wird eine flexible Abrufbereitschaft und permanente Anwesenheit der Care-Arbeiterinnen, zum Teil sogar, dass die Beschäftigte im Zimmer der:s Pflegebedürftigen schlafen soll. Zudem fehlen offizielle Vorschriften und Gesetze, wodurch sich die Ausgestaltung der Arbeit ausschließlich an den Bedarfen und Bedürfnissen der Pflegebedürftigen orientiert: „Freizeit wird abhängig vom Rhythmus der Pflegebedürftigen gewährt und ist oft mit weiteren Aufgaben wie Bot[:inn]engängen etc. ausgefüllt und damit nicht immer reale Freizeit“ (Schirilla 2019, 217; vgl. Schilliger/Schilling 2017, 104 sowie das Zitat von Bożena Domańska). Die meist nur pro forma abgeschlossenen Verträge bilden die tatsächliche Arbeitszeit, die Höhe der Entlohnung und die wesentlichen Arbeitsbedingungen kaum ab, sondern entsprechen dem Wunsch der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen nach einer individualisierten „Rund-um-die-Uhr-Betreuung“ im Eigenheim (vgl. Hielscher u. a. 2017; Satola 2019). Gesetzliche Regelungen zu Arbeitszeit, Kündigungsschutz und Urlaubsgeld sind den Pflegehaushalten und den Beschäftigten im Einzelnen ebenso wenig bekannt wie Unterstützungs- und Beratungsangebote und von Letzteren angesichts mangelnder Deutschkenntnisse auch nur schwer zu ermitteln.

Zusätzlich behindern die stark personalisierten und häufig sehr intimen Arbeitsbeziehungen zwischen Care-Arbeiterinnen und Pflegebedürftigen die Aushandlung von Arbeits- und Freiräumen. Den Beschäftigten wird „die Verantwortung für das Wohlbefinden ihrer pflegebedürftigen Klient*innen und die Bearbeitung der Gesamtproblematik ihrer Lebenslage anvertraut“ (Satola 2019, 178f.), wodurch sich die Familienangehörigen – zumindest teilweise – der Verantwortung und moralischen Verpflichtung entziehen. Die sogenannten „Live-ins“ werden damit zu „prisoners of love“ (Folbre 2001), zu Hauptverantwortlichen, denen im Konfliktfall immer Distanzierung, Dequalifizierung oder Kündigung drohen (vgl. Bomert/Schilliger i. E.)

Im Kontext der COVID-19-Pandemie hat sich die Arbeitssituation für viele Care-Arbeiterinnen weiter verschärft. Durch die temporären Grenzschließungen in Europa haben sich die geplanten Ablösungen durch Kolleginnen verschoben. Das hat zu einem Gehaltsausfall für jene im Herkunftsland und eine unbestimmte Verlängerung des mehrwöchigen Arbeitseinsatzes für jene in Deutschland geführt. Oft bleiben nicht nur die Quarantäne-Zeiten unvergütet, auch die Aspekte der sozialen Isolation und fehlenden Freizeit haben sich weiter verschlechtert: Angehörige bleiben an den geplanten Ruhetagen der Beschäftigten fern, denen wiederum wegen der Ansteckungsgefahr untersagt wird, das Haus zu verlassen (vgl. Schilliger u. a. 2020).

Aus den Lebens- und Arbeitsverhältnissen migrantischer Care-Arbeiterinnen in Deutschland lassen sich konkrete Unterstützungsbedarfe ableiten. Das betrifft etwa die Regulierung von Arbeits- und Ruhezeiten, eine Ansprechperson bei Problemen und Krisen, die Möglichkeit eines kollektiven Austauschs und von Bildungsmaßnahmen (Sprachkurse oder Kurse zu Themen der Pflege und Demenz), den Bedarf an Treffpunkten und den Einbezug von sozialen Institutionen in Deutschland (vgl. Schirilla 2019, 219f.). Dem wird bislang unzureichend begegnet: Bestehende Unterstützungsstrukturen sind nur eingeschränkt verfügbar und zugänglich; hinzukommt, dass der Beratungsbedarf das aktuelle Angebot bei weitem übersteigt (vgl. Bomert 2020, 194). Es wird ferner angenommen, dass die wenigsten Live-in-Kräfte die bestehenden institutionellen Unterstützungsangebote der Sozialen Arbeit, wie etwa Frauen- oder Migrationsberatungsstellen, aufsuchen (vgl. Raithelhuber 2011, 6). Im Vordergrund stehen für sie damit individuelle Handlungsstrategien wie die Verweigerung bestimmter Tätigkeiten oder die Kündigung einer Arbeitsstelle. Auf der anderen Seite stellen sie familiäre Bezüge in der Arbeitsbeziehung zu den Pflegebedürftigen her und entfalten zunehmend selbstständige und kreative Kompetenzen, um der im Privathaushalt erlebten Ungleichheit zu begegnen oder eigene Handlungsspielräume zu erweitern (vgl. u. a. Kniejska 2016, 213ff.).

3.2 Die öffentliche Debatte zur Externalisierung von Sorge in der häuslichen Pflege

Zu den gesellschaftlich legitimierten zentralen Begründungsmotiven für die Externalisierung von Sorge an osteuropäische Migrantinnen gehören, so zeigt eine umfassende Analyse der öffentlichen Debatte[3] seit 2004 (vgl. Bomert 2020), die rasche Initiierungsmöglichkeit und der große finanzielle Unterschied zu inländischen Pflegeangeboten. Die durchgängig starke ökonomische Betrachtungsweise transnationaler Care-Arbeit wird begleitet von einer sich wandelnden Bewertung dieser Arrangements: Nachdem sich in den Jahren nach der ersten EU-Osterweiterung noch eine Skandalisierung aufgrund der vermeintlich hohen Konkurrenz für inländische Pflegeangebote und einer angenommen mangelnden Pflegequalität zeigt, findet in den darauffolgenden Jahren eine grundlegende Legitimierung entsprechender Beschäftigungsverhältnisse auf moralischer, gesellschaftlicher und professioneller Ebene statt. Ab 2008 erscheinen osteuropäische Care-Arbeiterinnen im Diskurs als vertretbare Lösung der Care-Krise. Die hohe Anzahl der in Deutschland beschäftigten Care-Arbeiterinnen wird nicht mehr als eine bedrohliche Konkurrenzsituation für die ambulanten und stationären Pflegeangebote gedeutet, sondern als eine zunehmend übliche Alltagspraxis und legitime Alternative zur stationären Heimunterbringung. Mehr noch, in diesem Verständnis ermöglichen die Arrangements einen längeren Verbleib der Pflegebedürftigen in der eigenen häuslichen Umgebung und vermeiden eine stationäre Unterbringung bzw. zögern diese hinaus. Die veränderte Perspektive erlaubt nun eine Thematisierung der Schutzlosigkeit und -bedürftigkeit der Beschäftigten. Eine Folge der verstärkten öffentlichen Debatte ist auch, dass seit 2011 verschiedene institutionelle Programme und Angebote von Pflegediensten, Wohlfahrtsverbänden und Gewerkschaften zur Bekämpfung der problematischen Pflegesituation, des unregulierten häuslichen Pflegemarktes und der damit einhergehenden prekären Arbeitssituation der Beschäftigten entstanden sind (vgl. ebd., 120ff.).

Ungeachtet dieses Diskurswandels werden die Beschäftigten selbst diskursiv auf die häusliche Sphäre begrenzt und die von ihnen geleistete Arbeit durchgängig entwertet. Ihre Arbeit wird als bloße Hilfe- und Unterstützungsleistung abgewertet und damit nicht als professionelle und kommerzielle Arbeit anerkannt. Bezahlte Care-Arbeit erfährt eine diskursive Deklassierung und Gleichsetzung mit unbezahlter Care-Arbeit. Begleitet wird das von weiteren Familialisierungs- und Vergeschlechtlichungsstrategien sowie einer fortwährenden diskursiven Verknüpfung mit illegaler Arbeit und illegaler Migration (vgl. ebd., 152ff.). In der medialen Debatte zu transnationaler Care-Arbeit im Privathaushalt werden osteuropäische Care-Arbeiterinnen und ihre Pflegetätigkeiten demnach vergeschlechtlicht, illegalisiert, ethnisiert und auf eine Hilfstätigkeit reduziert und abwertet. Ihre konkreten Lebens- und Arbeitsverhältnisse werden nur selten und knapp thematisiert. Auffällig ist hierbei, dass die Themen der Schutzlosigkeit und insbesondere der Arbeitsausbeutung der Care-Arbeiterinnen in der Regel von institutionellen Sprecher:innen in die Debatte eingebracht werden und nur sehr wenige Care-Arbeiterinnen selbst zu Wort kommen. Lediglich in vier der knapp zweihundert analysierten Medienartikel finden widerständige Praktiken wie etwa strategische Absprachen, ein wechselseitiger Austausch oder eine rechtliche Auseinandersetzung Betroffener Erwähnung. In diesen Beschreibungen erscheint der Handlungsraum nicht mehr auf die private Sphäre beschränkt, sondern den Care-Arbeiterinnen wird ein aktives, widerständiges Handeln im öffentlichen Bereich zugeschrieben. Ungeachtet dieser leicht gestiegenen Sichtbarkeit, die auch Handlungsfähigkeit andeutet, sind die Care-Arbeiterinnen weiterhin diskursiv marginalisiert. Es handelt sich somit um einen medialen Diskurs über osteuropäische Care-Arbeiterinnen, in wenigen Fällen mit ihnen und in keinem Fall von ihnen (vgl. ebd., 154ff.).

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[3] Grundlage der folgenden Erläuterungen ist eine Diskursanalyse von 194 Artikeln aus vier Tageszeitungen (Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, FAZ, Die Welt) sowie aus zwei Wochenmagazinen (Focus Magazin, Der Spiegel) über den Untersuchungszeitraum von Anfang 2004 bis Ende 2016.

Perspektiven eines sozial-ökologischen Wandels – Anknüpfungspunkte und Her-ausforderungen für die Soziale Arbeit im Kontext häuslicher Pflege

„Überall auf der Welt setzen sich Menschen für ein friedliches, demokratisches, ökologisch nachhaltiges Miteinander, frei von Ausbeutung, Gewalt und Diskriminierung, ein. Sie alle sind Teil des Suchprozesses nach dem Guten Leben für alle. Sie sind Teil der solidarischen Lebensweise.“ (Ambach u. a. o. J., 5)

Als eine an die feministische Theorie und Politik anknüpfende solidarische Lebensweise bzw. Transformations-strategie wird die Care-Revolution betrachtet. Sie stellt „die grundlegende Bedeutung der Sorgearbeit im nicht entlohnten familiären Bereich ebenso wie im entlohnten Care-Bereich ins Zentrum sozialer Auseinandersetzungen und plädiert entsprechend dafür, das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben ausgehend von menschlichen Bedürfnissen zu gestalten“ (Winker 2021, 137). Vorsorge und Sorge für und um Menschen und Natur wird damit zum Bezugspunkt von Gesellschaftsveränderungen und der kapitalistischen Profitmaximierung und patriarchalen Herrschaftsverhältnissen gegenübergestellt (vgl. Littig 2016, 12). Unter dem Motto „Her mit dem guten Leben! Für alle weltweit!“ versammeln sich in dieser Bewegung seit 2013 bundesweit 80 Initiativen und Einzelpersonen. Einige der Ansatzpunkte der Care-Revolution überschneiden sich mit macht- und herrschaftskritischeren Diskussionen, Vorschlägen und praktischen Ansätzen der gegenwärtigen Debatte zur sozial-ökologischen Transformation, die sich etwa (zum Teil mit dezidiertem Bezug auf Care) für ein gutes Leben für alle (vgl. etwa Decker u. a. 2017), für eine vorsorgende Demokratie (vgl. etwa Hackfort 2017), eine Caring Democracy (Tronto 2013) oder für eine nachhaltige Arbeit bzw. ein nachhaltiges Wirtschaften (vgl. etwa Gottschlich u. a. 2014) einsetzen. Konkret geht es der Care-Revolution um eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit (mit dem Ziel eines höheren Zeitbudgets für Sorgearbeit und einem Rückbau ökologisch schädlicher Produktion), eine Aufwertung von Care-Arbeit, die Demokratisierung öffentlicher Daseinsfürsorge und den Ausbau einer staatlichen und genossenschaftlichen Infrastruktur (vgl. Winker 2021). Da entsprechende Maßnahmen „kostenintensiv sind und Profitraten beeinträchtigen“ (Winker 2013, 132), wird für deren Durchsetzung eine „gesellschaftliche Mobilisierung von unten“ (ebd.) vorausgesetzt. Die besondere Relevanz von sozialen Bewegungen wird in diesem Zusammenhang immer wieder betont. Andere plädieren im Zusammenhang eines sozialökologischen Wandels für die Unterstützung der selbstbestimmten und eigenständigen Organisierung besonders vulnerabler Gruppen, um deren gesellschaftliche Wahrneh-mung zu erhöhen sowie kritische „Themen zu setzen und immer wieder zur Sprache zu bringen“ (Decker u. a. 2017, 91; vgl. Noever Castelos/Siemons 2017, 36; Ehlsen 2013). Inwiefern betreffen diese Aspekte und die entsprechenden Bestrebungen den Bereich der sogenannten 24-h-Pflege? Und welche konkreten Anknüpfungspunkte und Herausforderungen lassen sich daraus für die Soziale Arbeit ableiten?

4.1 Unterstützte (Selbst-)Organisierung osteuropäischer Care-Arbeiterinnen

Während die öffentlichen Debatten in Deutschland und Österreich ein ähnliches Bild zeichnen, „haben sich die Care-Arbeiterinnen in der Schweiz eine Stimme verschafft [und] eine gesellschaftliche Diskussion über eine andere Organisation von Pflege und Betreuung angestoßen“ (Schilliger 2017, 38f.). Den Live-in-Betreuerinnen ist es hier wiederholt gelungen, arbeitsrechtliche Forderungen öffentlich zu diskutieren und das transnationale Pflege-Arrangement zu politisieren (vgl. Steiner 2021, 174). Dies sind Erfolge der Organisierungsprozesse im Netzwerk Respekt@vpod in der Region Basel und der von der Gewerkschaft Unia organisierten Badanti im Kanton Tessin. Respekt@vpod wurde 2013 gegründet und hat sich seither durch mehrere öffentlichkeitswirksame Gerichtverfahren, die von Mitgliedern des Netzwerkes begleitet werden, einen Namen gemacht. Dadurch „politisieren die Klägerinnen die geleistete Betreuung als Lohnarbeit und positionieren sich gleichzeitig in der Rolle als Arbeitnehmerinnen“ (ebd., 183). Es geht nicht nur um individuelle Rechte, sondern auch um die Unterstützung eines sozialen Wandels und die Schaffung von Präzedenzfällen, um die Öffentlichkeit und weitere Betroffene zu erreichen (vgl. Schilliger/Schilling 2017, 109). In der Gruppe Badanti sind rund 300 Betreuer:innen aus Rumänien, Bulgarien und Polen organisiert. Ebenfalls im Jahr 2013 gegründet, war der Suizid zweier Kolleg:innen tragischer Initiierungsmoment. Neben individueller Beratung und Unterstützung (etwa in Form einer Notwohnung oder von Sprachkursen) schaffen sie Austauschräume und tragen „ihre Erfahrungen und Forderungen an die Öffentlichkeit“ (Steiner 2021, 181).

Demgegenüber sind in Deutschland kaum interessenpolitische oder öffentlichkeitswirksame Aktivitäten der Beschäftigten erkennbar. Die Gründe dafür sind vielfältig: Ein zentraler länderspezifischer Vorteil für die Organisierung in der Schweiz liegt in der Beschäftigungsstruktur. Während in Deutschland die Anstellung vorrangig über ausländische Agenturen bzw. Entsendefirmen erfolgt, sind die Beschäftigten in der Schweiz direkt über schweizerische Unternehmen angestellt. Dadurch gestaltet sich die „Möglichkeit des Widerstands gegenüber der Agentur als Arbeitgeber (…) einfacher als in Arbeitsverhältnissen, in denen der/die Arbeitgeber_in die betreuungsbedürftige Person selbst oder deren Angehörige ist“ (Schilliger/Schilling 2017, 113). Ein weiteres begünstigendes Moment liegt in der Gewerkschaftsstruktur. Unterstützen in der Schweiz mit der Gewerkschaft Unia und dem Verband des Personals öffentlicher Dienste (Vpod) gleich zwei große Akteure die Interessen von Live-in-Beschäftigten, verweisen die Gewerkschaften in Deutschland auf eine Mehrfachzuständigkeit aufgrund der Heterogenität der Tätigkeiten von Reinigung, Pflege und privater Hauswirtschaft (vgl. Bomert 2020, 215). Ein genauerer Blick auf die bestehende Unterstützungsstruktur in Deutschland, die über gewerkschaftliche Strukturen hinausgeht, offenbart zudem verschiedene Wissens- und Adressierungspraktiken, die eine eigenständige Artikulation der Interessen migrantischer Care-Arbeiterinnen und deren (Selbst-)Organisierung behindern.

Die derzeit vorhandenen institutionellen Unterstützungsstrukturen in Deutschland lassen sich unterscheiden in spezialisierte Vermittlungs- und Beratungsangebote insbesondere freier Träger:innen (z. B. die Projekte CariFair der Caritas und FairCare der Diakonie oder das Beratungsangebot des Fraueninformationszentrums in Stuttgart oder der Bahnhofsmission Karlsruhe), gewerkschaftliche und gewerkschaftsnahe Beratungsangebote für mobile Beschäftigte aus Osteuropa (z. B. das DGB-Projekt Faire Mobilität oder die Weiterbildungseinrichtung Arbeit und Leben DGB/VHS) und ehrenamtliche bzw. kirchliche Unterstützungsprojekte, die vorrangig Sprachkurse und Austauschplattformen anbieten. Beratung führen die befragten Institutionen[4] zu arbeits- und sozialrechtlichen Themen sowie zu Inhalten der allgemeinen sozialen Beratung durch (vgl. Bomert 2020, 190). Die Gewerkschaften und freie Träger:innen engagieren sich auch in der Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit, Letztere initiieren darüber hinaus legale Beschäftigungsmöglichkeiten und transnationale Kooperationen zur Ausbildung. Dabei variiert das Selbstverständnis bei den befragten Vertreter:innen der freien Träger und Gewerkschaften: Die institutionelle Förderung von Austauschangeboten wird von einem Teil der Befragten grundsätzlich nicht als Aufgabe verstanden. Andere sind dazu grundsätzlich bereit, berichten aber von mangelndem Interesse der Live-in-Kräfte, fehlenden institutionellen Kapazitäten oder gar gescheiterten Versuchen, entsprechende Formate zu initiieren. Auffallend ist hier, dass die bisweilen fehlende Vernetzung der Migrantinnen argumentativ auf eine Reihe hemmender Faktoren zurückgeführt werden konnte, während fördernde Faktoren oder konkrete und institutionell übergreifende Strategien der Organisierung kaum benannt werden konnten (vgl. Bomert 2020, 212ff.).

Die im Material sichtbar gewordenen Subjektzuschreibungen deuten ferner auf spezifische Adressierungspraxen seitens der Unterstützer:innen hin, die das Handeln der Care-Arbeiterinnen zum Teil individualisieren und dadurch die Bedeutung von Organisierungsprozessen schmälern. Insbesondere fehlende persönliche, soziale und materielle Ressourcen (wie eine prekäre finanzielle Familiensituation, die fehlende Einbindung in Netzwerke, eine mangelnde deutsche Sprachkompetenz sowie das noch nicht erworbene Erfahrungswissen der Frauen) werden als handlungseinschränkend und gleichzeitig als Ursachen für ein teilweise hinnehmendes Verhalten der Care-Arbeiterinnen bei der Aushandlung ihrer Arbeitsverhältnisse gedeutet. Demgegenüber gelten der Abbau der finanziellen Notsituation, der Aufbau eines persönlichen Netzwerks, das Erlernen der Sprache sowie ein längerer Arbeitsaufenthalt als Grundlagen für widerständiges Handeln. Weder die Rolle institutionell unterstützter Organisierungsprozesse noch eine eigenständige und öffentliche Artikulation der Interessen durch die Migrantinnen selbst werden in dem Zusammenhang besonders hervorgehoben (vgl. ebd., 224ff.).

4.2 Anknüpfungspunkte und Herausforderungen für die Soziale Arbeit

Für eine sozial-ökologische Transformation im externalisierten Sorgebereich ergeben sich für die Soziale Arbeit vielfältige Anknüpfungspunkte. Mehr noch, die gegenwärtigen Lebens- und Arbeitsverhältnisse der migrantischen Care-Migrantinnen widersprechen vielfach grundlegenden Grund- und Menschenrechten und fallen damit zwangsläufig in das Gebiet einer an Menschenwürde und Menschenrechten orientierten professionellen Sozialen Arbeit (Stichwort: Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession, vgl. Rerrich/Thiessen 2015). Gesellschaftspolitisch geht es dabei um Gleichheit und Ungleichheit im Kontext von Geschlecht, Ethnizität und Klasse, die durch die Care-Arbeit (re-)produziert werden und denen eine egalisierende und herrschaftskritische Soziale Arbeit entgegenzuwirken versucht. Konkret gilt es etwa, die Effekte der Arbeitsmigration für die Herkunftskontexte, die Verhandlung und Ausgestaltung von Care-Arbeit vor Ort und im Herkunftskontext sowie die mit der Beschäftigung im Care-Bereich einhergehende De-Professionalisierung genauer zu betrachten (vgl. ebd., 25). Auf die sich daraus ergebenden Anforderungen und Unterstützungsbedarfe der Beschäftigten im bezahlten Care-Arbeitsbereich kann die Soziale Arbeit auf konzeptioneller und professionspolitischer Ebene eingehen (vgl. ebd.).

Bislang haben sich etablierte, professionelle Akteur:innen der Sozialen Arbeit dieser Herausforderung jedoch nicht adäquat gestellt und kaum auf den Hilfebedarf reagiert (vgl. Raithelhuber 2011). Mit den oben erwähnten Vermittlungsprojekten FairCare der Diakonie und Carifair der Caritas gibt es bislang auf der Ebene des Sozialstaates und der sozialen Dienste zu wenige Angebote, die sich strategisch für eine Legalisierung, Formalisierung und Überprüfbarkeit von Standards guter Arbeitsverhältnisse einsetzen. Auf den auf nationaler und internationaler Ebene immer wieder betonten Bedarf an Anlaufstellen, um z. B. sexuelle Belästigungen oder Lohnverweigerungen anzuzeigen und psychosoziale Hilfe zu erhalten, hat die Soziale Arbeit mit nur einer deutschlandweiten psychosozialen Beratungsstelle (aus dem Projekt FairCare) kaum reagiert. Dabei ist gerade die empowernde Bedeutung der Sozialen Arbeit bei der Durchsetzung von Rechten und Ansprüchen hervorzuheben und die Möglichkeiten eines niedrigschwelligen und vertraulichen Kontaktaufbaus für transnational Beschäftigte über die Migrationsdienste zu betonen (vgl. ebd.).

Gilt es, die transnationale Care-Arbeit zu politisieren, d. h. sie von dem Zuschnitt auf die private Sphäre zu lösen und auf einer gesellschaftspolitischen Ebene zu platzieren, muss es zudem das Ziel sein, die dort Beschäftigten als Arbeitskräfte mit entsprechenden Rechten sichtbar zu machen und von politischen und gewerkschaftlichen Akteur:innen ein entsprechendes Handeln einzufordern. Damit dies gelingen kann, braucht es eine öffentliche Artikulation, die „die Tendenz der dominanten Gruppe unterlaufen [kann], ihre eigenen Erfahrungen und Werte zu verallgemeinern“ (Blättler 2001, 125). Es geht um die Pluralisierung der Standpunkte, die zu einem „umfassenderen, differenzierteren und breiteren Wissen über soziale Geschehnisse“ (ebd., 126) beitragen können, sowie darum, auch die Externalisierung von Sorge im häuslichen Pflegebereich als imperiale Lebensweise aufzudecken und zu skandalisieren. Die Vielfalt der Identitäten und Interessen der Care-Arbeiterinnen muss den ethnisierten, vergeschlechtlichten und abwertenden Zuschreibungen sowie den verkürzten Darstellungen der Arbeitsverhältnisse als vermeintliche „Win-win-win-Lösung“ in den Medien entgegengestellt werden.

Voraussetzung für eine vermehrte öffentliche Sichtbarkeit der Beschäftigten ist die Bündelung und Artikulation ihrer Perspektiven und Interessen. Dazu bedarf es (unterstützter) Organisierungsprozesse, durch die Diskriminierungserfahrungen und Barrieren im Alltag erkannt, artikuliert und objektiviert werden können. In Zusammenarbeit mit den im Care-Bereich Beschäftigten sind daher zunächst entsprechende „Orte der Reflexivität“ (ebd., 124) einzurichten und den Migrantinnen zugänglich zu machen. Diese geschützten und empowernden Räume können die Grundlage für die Befähigung der Frauen bilden, um „einen Umgang mit diesen Zuschreibungen zu finden und sich aktiv gestaltend dazu zu verhalten“ (ebd., 125) sowie Kommunikations- und Interpretationswege zu entwickeln, um entsprechende Erfahrungen zur Sprache zu bringen und zu analysieren (vgl. ebd.). Der Einbezug von Erfahrungen organisierter Care-Arbeiterinnen aus dem Ausland oder aus bestehenden informellen Netzwerkstrukturen kann hier nützlich sein. Zweifelsohne ist die Schaffung entsprechender Artikulations- und Organisationsräume in Zusammenarbeit mit den Care-Arbeiterinnen für Professionelle voraussetzungsvoll. Neben personellen, räumlichen und finanziellen Ressourcen braucht es Zeit und besondere Anstrengungen, um die Betreffenden überhaupt erreichen und Vertrauen für eine Zusammenarbeit aufbauen zu können.

Gelingen diese Organisierungsprozesse, können auf Wunsch der Care-Arbeiterinnen konkrete Strategien zur Sichtbarmachung ihrer Interessen und Perspektiven auf kommunaler, regionaler und (trans-)nationaler Ebene eingesetzt werden. Mögliche öffentliche Artikulationsräume lassen sich durch themenbezogene Aktionen und Kampagnen (Vorträge, Presseveröffentlichungen oder auch Aufklärungs- bzw. Sensibilisierungsarbeit für Pflegehaushalte) oder durch die Beteiligung an lokalen runden Tischen, Zukunftswerkstätten, Konferenzen zum Thema häusliche Pflege oder in der medialen Berichterstattung schaffen. Denkbar ist die Anregung von Bündnisstrukturen, Solidarisierungsprozessen und Initiativen, um den bezahlten und unbezahlten Care-Arbeitsbereich in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken, den Druck auf politische Entscheidungsträger:innen zu erhöhen und mehr Anerkennung der geleisteten Arbeit zu fordern. Insbesondere die „Diskussionen um Live-in-Care als vergeschlechtlichtes und grundsätzlich prekäres Arbeitsfeld bieten Anknüpfungspunkte an weitere Kämpfe um die Rechte von Arbeiterinnen, Migrantinnen und Frauen* – und damit Anschluss an breitere, feministische und intersektionale Debatten, die für künftige Organisierungsbestrebungen nutzbar gemacht werden können“ (Steiner 2021, 191). Nur eine Zusammenarbeit mit verschiedenen Partner:innen in breiten Bündnissen kann der heterogenen Bedarfs- und Interessenlage der Zielgruppe innerhalb der Unterstützungsstrukturen und einer wirksamen Öffentlichkeitsarbeit Rechnung tragen.

Neben der konzeptionellen Ebene ergeben sich für die Soziale Arbeit auch auf professionspolitischer Ebene mögliche Ansätze, um einen sozial-ökologischen Wandel im externalisierten Sorgebereich voranzubringen. Ein Aspekt kann die Thematisierung der Ursachen, Hintergründe und Zusammenhänge der Care-Krise sein. Für Rerrich und Thiessen (2015, 25) ist die Soziale Arbeit als Profession in ihrer anwaltschaftlichen Funktion aufgefordert, die Unterversorgung und die Verminderung von Ressourcen für bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit zu benennen. Bislang werden die verschiedenen Brennpunkte der Care-Krise in der Betreuung, Erziehung, Alltagsversorgung und Pflege sowie die häufig prekären Care-Arbeitsbedingungen im institutionellen wie im Privathaushalt meist unabhängig voneinander diskutiert (vgl. ebd., 31). Die Schnittstellenkompetenz der Sozialen Arbeit kann „Care-Lücken sozialräumlich (…) systematisch zusammenhängend und aus der Perspektive der AdressatInnen“ (ebd., 25) herausarbeiten.

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[4] Befragt wurden Vertreter:innen von zehn unterschiedlichen wohlfahrtsstaatlichen bzw. gewerkschaftlichen Organisationen im Zeitraum von August bis Dezember 2017. Die qualitativen Interviews wurden diskursanalytisch ausgewertet (vgl. Bomert 2020, 106).

Schluss

Mit Blick auf die gegenwärtige vielschichtige Care-Krise, deren Konsequenzen in ver-schiedenen Care-Arbeitsbereichen unterschiedlich stark hervortreten und die u. a. zu einer Externalisierung von Sorge unter teilweise ausbeuterischen Verhältnissen führt, wird schnell deutlich, dass unverbundene nationale Einzellösungen keine grundle-gende Veränderung bringen werden. Vielmehr bedarf es umfänglicher gesellschaft-licher Lösungsstrategien, die auf der Basis ökologischer Aspekte „den Zusammen-hang von Care, Geschlechterverhältnissen, Ökonomie, Arbeitsorganisation, Zeitstruk-turen und sozialer Gerechtigkeit im Blick haben“ (Erbe/Jurczyk 2017, 32). Mit den De-batten zu einer sozial-ökologischen Transformation werden diese vermeintlichen „Utopien“ mit Leben gefüllt. Sie gilt es daher genauer zu betrachten – sowohl von jeder:m Einzelnen:m von uns als auch von zivilgesellschaftlichen, politischen oder ge-sellschaftlichen Akteur:innen wie nicht zuletzt der Sozialen Arbeit.

Wie die Analyse der Debatte zur Externalisierung von Sorge in der häuslichen Pflege zeigt, werden die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen zwar zunehmend öf-fentlich kritisiert, jedoch stets vor dem Hintergrund einer generellen Vergeschlechtlichung, Illegalisierung und Ethnisierung der Live-Ins und einer Abwertung ihrer Arbeit. Damit erscheint es als legitim, dass sie selbst, ihre Perspektiven und Interessen im Diskurs marginalisiert bleiben (vgl. Abschnitt 3.2). Ist eine sozial-ökologische Trans-formation darauf angewiesen, dass „neue Begriffe und Erzählungen in die öffentliche Wahrnehmung gelangen und Legitimität erhalten“ (Decker u. a. 2017, 91), so müssen die häuslichen Pflegearrangements als das benannt werden, was sie sind: als ein Teil der „imperialen Lebensweise“ (Wissen/Brand 2019). Diese Lebensweise verschiebt Grenzen und macht in den westlichen Ländern in einem herrschaftlichen Aneig-nungsprozess von weiblicher sozialer Sorgearbeit „ganze Länder – andere Länder – zum eigenen ‚Außen‘“ (Biesecker/von Winterfeld 2014, 12f.). Um diese Externalisierung zu dechiffrieren, müssen langfristig und wiederkehrend andere Erzählweisen zur Sprache gebracht werden (vgl. Decker u. a. 2017, 91). Für den Bereich der häuslichen Langzeitpflege bedeutet dies etwa, Migrantinnen darin zu unterstützen, sich selbst-bestimmt und eigenständig zu organisieren, um als Beschäftigte mit entsprechenden Rechten und als politische Subjekte wahrgenommen (vgl. Noever Castelos/ Siemons 2017, 36) und anerkannt zu werden.

Vorliegend wurde gezeigt, dass derzeit keine flächendeckende, gut erreichbare und auf psychosoziale Bedarfe abgestimmte Unterstützungsstruktur in Deutschland vor-handen ist. Ohnehin sehen nicht alle der befragten Vertreter:innen der freien Träger und Gewerkschaften die unterstützte Organisierung als Teil ihrer Aufgaben und messen ihr eine entsprechende Bedeutung bei (vgl. Abschnitt 4.1). Die vorgestellten Anknüpfungspunkte für die Soziale Arbeit (vgl. Abschnitt 4.2) können insofern als Teil einer zukunftsfähigen Methodologie im Rahmen einer sozial-ökologischen Transformation gelesen werden, „die geeignet ist, Prozesse des sozialen Wandels und des kollektiven Lernens einzuleiten und zu begleiten“ (Ehlsen 2013, 11). Mit den hier herausgegriffenen konzeptionellen und professionspolitischen Zugängen lassen sich lebensweltliche Deutungen, Bedarfe, Ressourcen, Beschränkungen und Lebensbedingungen der migrantischen Care-Arbeiterinnen als Realität und Ausgangspunkt wahr-nehmen. Dadurch können „‚Politiken der Möglichkeiten‘ entstehen, die auch einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung leisten“ (ebd.). Ein professionelles Handeln setzt jedoch zunächst voraus, transnationale Care-Arbeit überhaupt als Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit wahrzunehmen und im Rahmen des politischen Mandats anzuerkennen. Bislang nimmt die Soziale Arbeit die Lebens- und Arbeitsverhältnisse migrantischer Care-Arbeiterinnen nur vereinzelt dezidiert in den Blick und fragt nach entsprechenden Handlungsperspektiven. Aber auch wenn sie hierbei neue Wege beschreiten muss, kann sie doch auf ein breites handlungskonzeptionelles Repertoire ihrer Profession zurückgreifen.

Literaturverzeichnis

Weitere Artikel dieser Ausgabe

  • Thomas Steinforth (München/Ludwigshafen)

    7. Jg. (2021) Ausgabe 1
    Sozialökologische Transformation - Diskursfelder und Themen für die und in der Sozialen Arbeit

    Ethische Anfragen an den Topos einer „sozial-ökologischen Transformation”

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  • Matthias Bruckdorfer (Berlin) Michael David (Berlin)

    7. Jg. (2021) Ausgabe 1
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    Sozialpolitische und sozialarbeiterische Anmerkungen zur sozialökologischen gesellschaftlichen Transformation

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